Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 50 (sequence 6)
- Language
- German
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Ernst Jacob Man kann der Ansicht sein, daß Rathenau in diesen Ausführungen die Freiheit des einzelnen Juden, seine Religion auszulegen, bedeutend überschätzt: Aber er bleibt nicht bei einer leeren Freiheit, sondern erkennt das als fesSh stehend an, was seit je als Glaubensbekenntnis des Judentums gegolten hat, das Schma Jisroel. „Was nun ist das Einigende dieses kirchenlosen Glaubens? Nur dieses, das Bekenntnis zur religiösen Einheit Die Urform des Glaubensbekenntnisses hat vier Worte; in unserer deutschen Sprache lautet sie: Der Herr ist unser Gott, der Herr, der Eine." x) Riten und Formen stand Rathenau im allgemeinen ablehnend gegenüber, ohne sich aber mit „kirchlichem jüdischem Liberalismus" identifizieren zu wollen.2) Er schreibt3): „Die historische, ethnologische, überlieferungsmäßige Bedeutung von Riten und Vorschriften verkenne ich nicht, am wenigsten dann, wenn sie in dem von Ihnen erwähnten Sinne gemütvoller Erinnerung gehandhabt werden. Leicht stellt sich jedoch eine Umdeutung ein, so daß sie als starre Gesetze, als Abschließungsmittel, als Kennzeichen einer Überlegenheit oder gar als Gnadenmittel auftreten. In diesem Falle, der nicht ohne geschichtliche und geographische Vorgänge ist, erscheinen sie mir als eine Gefahr für Geist und Religion." In folgenden Worten faßt er einmal selbst seine ganze Stellung zur jüdischen Religion zusammen.4) „Entscheidend ist für mich lediglich die Frage, ob das Judentum seinem religiösen Gehalte nach als so dogmenfrei angesehen werden kann, daß ein reiner weder durch Kirchenvorschriften, noch durch Ritualgesetze beschränkter Monotheismus in ihm Raum hat Meine eigenen Prüfungen und Erwägungen veranlassen mich, diese Frage zu bejahen und ermöglichen mir dadurch, das Verbleiben im Kreise der kulturellen und religiösen Einheit" Rathenaus Stellung zu jüdischen Tagesfragen. Der Antisemitismus. Raihenaus Leben fällt zum größten Teil in die reaktionäre Vorkriegszeit des preußischen Staates, die gekennzeichnet war durch das Dreiklassen-Wahlrecht, die Vorherrschaft des ostelbischen Adels in Militär und Verwaltung und die Behandlung der Juden als Staatsbürger zweiter Klasse. Kein Jude konnte Reserve-Offizier werden oder irgend ein höheres Staatsamt bekleiden, auch wenn er noch so tüchtig und von makelfreier Abstammung und Führung war. M V S. 99 Streitschrift. — *) Briefe Nr. 76. — 3) Briefe Nr. 307 siehe auch V S. 98 Sireitschrift. — *) Briefe Nr. 299. 50