Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 46 (sequence 2)
- Language
- German
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Ernst Jacob Judentums gefunden, jedoch auch Ansätze zu anderen Einstellungen, etwa solche, die das Handeln in den Mittelpunkt der Wertung stellen, während die Evangelien die Handlung als nebensächliche Folge betrachten und den Mittelpunkt in der transzendentalen Gesinnung suchen."*) Rathenau will die Evangelien mit der alten Lehre nicht nach ihren Einzelaussprüchen vergleichen, sondern nach ihrem erfaßbaren Geiste. Denn „in jedem größeren Buche lassen sich Belegstellen für alles finden, was man sucht; entscheidend ist für mich die Frage nach dem, was im Vordergrunde und was im Hintergrunde steht, was dem unvoreingenommenen Empfänger als das Wesentliche, als das letztgewollte Geistige entgegentritt.... Nun scheint mir in der alten Schrift das Gesetz, die Lehre, das diesseitige Leben und Glück näher im Vordergrunde zu stehen als in den Evangelien; in den Evangelien dagegen die Liebe, der Glaube und die Transzendenz des Gottesreiches näher als in der alten Schrift. Auf diesen Gradunterschied der Betonung und Wesentlichkeit kam es mir an." 2) Rathenau geht in seiner Schätzung des Neuen Testaments so weit, daß er sagt, „es gibt kein anderes Erzeugnis des menschlichen Geistes, das so sehr die irdischen Gebiete im Schatten läßt, um auf die Höhen des Übersinnlichen und Übernatürlichen als auf das einzig Wesentliche hinzuweisen." 3) Ebenso verehrte Rathenau, auch nach dem Zeugnis seiner Mutter, die Gestalt des Gründers des Christentums, die er auch als eine „staatsmännische Persönlichkeit" schätzte.3) Er schreibt einem Pastor, er „wünsche die Verbreitung des Christuserlebnisses in aller Welt" *) Er bewundert Paulus, und zwar nicht so sehr den großen Propagandisten der christlichen Lehre als den seelisch bewegten Menschen, der den Hymnus auf die Liebe schrieb.3) Doch bei allen diesen Äußerungen darf man nicht übersehen, daß füq Rathenau die Evangelien, Jesus und die Apostel ein Produkt und Teil des Judentums darstellten. Hier begegnete er sich mit Konstantin Brunner, der in seinem Werke „Unser Christus" Jesus für das Judentum reklamiert Dieses Buch lernte Rathenau kennen und bezeugte dem Verfasser begeisterte Zustimmung.5) „Rufen Sie die Juden zum Christusbund der Juden. Es ist genug, wenn zehn Ihnen folgen. Im Geist entscheidet nicht major pars, sondern sanior pars." Er empfiehlt auch anderen das Werk Brunners zu lesen.6) i) Briefe Nr. 340. — 2) Briefe Nr. 307 vgl. auch Nr. 421. — 3) Briefe Nr. 76. — *; Briefe Nr. 611. — 5) Briefe Nr. 497. — *) Briefe Nr. 505. 46