Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 47 (sequence 3)
- Language
- German
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Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften Nichts lag Rathenau jedoch ferner als die Taufe. Er mißt von vornherein „der Zugehörigkeit zu kirchlichen Gemeinschaften keine allzuhohe Bedeutung bei." x) Und zwar deshalb, weil „es ihm eine künstliche Naivität zu sein scheint, wenn wir uns zu der Vorstellung zu zwingen suchen, das, was wir glauben, sei das Gleiche oder wenigstens dem ähnlich, was ein anderer glaubt. Dies ist nur möglich gegenüber dem radikalen Wunder oder der radikalen Offenbarung. Je undifferenzierter ein Mensch ist, desto näher mag es ihm liegen, sich mit den Glaubensformen anderer zu identifizieren oder an gemeinsamen Religionsübungen zu hängen. Die religiösen Grundbegriffe sind unveränderlich, denn sie entspringen unveränderlichen Spiegelungsgesetzen eines Absoluten." 2) Trotzdem Rathenau sich so zu einem extremen Individualismus bekennt, leugnet er nicht, daß auch die religiöse Gemeinschaftsbildung wertvoll sein kann. Religion wird durch kirchliche Verfassung bis zu einem gewissen Grade Gemeingut großer Gruppen. Und doch „die Maßnahmen der Lehre, der Popularisation, der Kirchenverfassung, des Rituals und der Kirchenpolitik können nicht den vollen Inhalt des individuellen Empfindens erschöpfen." s) Aber es sind keineswegs nur diese Erwägungen, die Rathenau veranlassen, einen Übertritt zum Christentum weit von sich zu weisen. Es sind verschiedene Gründe, die ihn dazu bewegen, daß er nicht Christ werden, und daß er Jude bleiben, ja sich positiv und freudig zum Judentum bekennen will. Ausführlich handelt ja hiervon die „Streitschrift vom Glauben". Zunächst sind es politische Gründe4): „Ich bin der Kultgemeinschaft der Juden geblieben, weil ich keinem Vorwurf und keiner Beschwernis mich entziehen wollte." „Mit der Zugehörigkeit zum Judentum sind nur bürgerliche Nachteile, mit dem Übertritt zum Christentum erhebliche Vorteile verknüpft... In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird;, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn befreien kann. Gleichzeitig aber erfährt er, daß ein Glaubensakt, gleichviel, ob innerlich gerechtfertigt oder äußerlich herbeigeführt, seine Abstammung zu verdunkeln, seinen Makel zu tilgen, seine bürgerlichen Nachteile zu beseitigen vermag---- Ich weiß, daß Menschen, die sich von ganzem Herzen zum Christentum hingezogen fühlen, auf die äußere *) Briefe Nr. 76. — 2) Briefe Nr. 293. — 3) Briefe Nr. 76. — *) Briefe Nr. 191. 47