Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 33 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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I>er Psalter Mit solchem Blick auf die Welt zu blicken, wie in ihnen, mit solcher Kraft die Dinge zum Reden zu bringen, mit solcher Inbrunst das Recht Gottes zu vertreten und mit solchem Mut alle die klaren und die unklaren, die reinen und die trüben, die mächtigen und die schwachen Stimmen zu einem Klang zu sammeln, wie er den Alten aus dem Kanon der fünf Bücher Mosis entgegenklang, das bezeugt in den Sammlern einen Reichtum an Menschlichkeit und eine Fülle von Glauben, die uns Nachgeborene beschämt Denn jene Väter waren stark und aufrichtig genug, kein Drama zu schreiben, aus dem die unheldischen und unförmigen Schlacken ausgesondert würden. Im Gegenteil, sie ließen in den fünf Büchern so viel Schlacken darin, daß seit 3oo Jahren sich mehr Menschen an den Schlacken als an dem Feuer dieser Glut erwärmen. Was war ihr Reichtum und was war ihr Glaube? Daß sie wußten, daß durch Alle, die sprechen, Gott spricht, durch die Großen gewiß, aber durch die Kleinen erst recht Das ist der Unterschied zwischen ihrem Werk und dem Drama. Das künstliche Drama duldet nur eine Stimme, und ihre Begleitstimmen folgen ihr in wohlerwogenen Abständen, die natürliche Wirklichkeil dagegen spricht mit vielen Stimmen, die garnicht immer zueinander passen; jenes kann daher auf seiner höchsten Stufe schön werden, diese wird in ihrer reinsten Wiedergabe wahr. Dürfen wir nun noch einmal, mit fähigeren Organen, vor den Psalter, das andere Fünf buch, treten, den wir vorhin mit Hölle, Fegefeuer und Paradies unzulänglich genug verglichen? Jetzt kann gesagt werden, warum der Vergleich unzulänglich war. Wir haben fünf Akte des Dramas Mosis gesehen und haben erfahren, daß es nur wie ein Drama ist; es direkt zu benennen, fehlt uns das Wort Wir werden hier lernen, daß der Psalter wie eine Divina Comedia ist; in Wahrheit ist er — ein Gebet Denn nicht durch noch so lebhafte seelische Höllen und Paradiese führt sein Weg unsere Gedanken, sondern wir gehen ganz leibhaftig, ganz persönlich den Weg des Psalters mit I. i, 5, 8, 9, i3, i4> 22, 23, 2 4, 28, 32—36 sind aufgebaut über dem Thema vom Gottlosen und vom Gerechten, von den Bösen und von den Guten, von der Zerknirschung und Demütigung, über die sich der 38. Psalm hinaushebt mit seiner Erkenntnis, daß die Strafe des Herrn verdient ist Die Psalmen 19 und 29 stehen dazwischen wie reine Sammelbecken, die schon einmal die ganze Fülle des Psalters vorwegstauen. 3 33