Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 29 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Psalter Buch, das nicht umsonst für die meisten seiner Psalmen David als Autor angibt, wird zwar das Böse noch gar breit erwogen, aber nicht das Böse an und für sich, das unabhängig von unserem Gut- oder Bösesein einfach da wäre, sondern das Böse, das individuell durch diese oder jene Person, für diese oder jene Person, vor dieser oder jener Person entsteht Und der Name Davids über diesen Psalmen verleiht wohl nur dem zwingenden Gefühl der individuellen Artung jedes dieser Psalmen Ausdruck, wobei die Wahrscheinlichkeit, ob David wirklich der Sänger dieser Lieder ist, weder erörtert werden soll noch muß.1) Zwischen dem bezw. den Psalmisten des zweiten Buches und den Bösen besteht der fruchtbare Kontakt der Feindschaft, zwischen dem Psalmisten des ersten Buches und dem Bösen besteht die Hilflosigkeit des Verhängnisses- Diese Kraft, die in dem zweiten persönlichsten Buch der Sammlung liegt, ergreift im dritten und weiter dann im vierten Buch nun auch das Unböse, die Sache, und bringt sie in Beziehung zur Person. Zuerst die Dinge im Raum, die Natur, dann den Ablauf der Zeit, der durch diese Beziehung auf die Person zur Geschichte wird; ja noch nicht genug damit, der zur Schickung wird, wie die Natur zur Schöpfung wird, wo der ahnende Blick durch den Schein der Begebenheiten und Gestalten hindurchzubiicken wagt Je mehr Geschichte und Natur in Beziehung zur Person oder zum Personenkreis des Volkes gesetzt werden, desto mehr verschwinden ihre erschreckenden Erhabenheiten, desto mehr verschwinden aber auch die menschlichen Kleinheiten und alles Geschaffene steht in gleicher Angst, mit gleicher Not, mit gleicher Hoffnung vor Gott Trotz aller Abfälle, aller bis zum Haß sinkenden Ungläubigkeit in der Haltung des Beters, der auf dem steilen Wege hinaufgeht — denn die Psalmisten sind zwar viele Beter, aber der Psalter hat nur Einen — steigt er doch, überwindet Vorberge und Zwischenschluchten,; verläßt das Geisterheer des Bösen und der Bösen, vergißt den Stolz auf Verdienst und Frömmigkeit, reinigt Herz und Auge, bis jene klaren Formen auftauchen, zu denen wir mit ihm wie angezogen wandeln. Immer weiter wird die Liebe, immer größere Kreise zieht sie in ihre hymnische Aufforderung, selbst das nur Notgeborene — das Gebot — wird dem Steigenden durchleuchtet, Ps. 119, bis am Ende des Aufstiegs über alles was Odem hat, der Wunsch gesagt werden kann: Alles was Odem hat, preise den Herrn! x) Bezeichnenderweise hat außer der modernen Kritik (Stärk) nie jemand Gewicht gelegt auf die Schlußworte des II. Psalmenbuches (Ps. 72, 20): „Zu Ende sind die Gebete Davids", am wenigsten die Psalmeusammler; denn in Buch III und IV stehen noch recht viele David-Psalmen. 29