Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Der Psalter
Date
1927-04-01
Page
28 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897644--01714-2897704
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rudolf Hallo sein sollten, denn zuweilen in einem Psalm dieser Stücken zwei, drei oder wohl alle fünfe gefunden werden und ein Psalm in alle fünf Teile gehöret, daß man Weißung, Lehre, Trost, Gebet und Dank nebeneinander hat" Wenn wir uns diesen kunstlos reichen Worten (die, wie betont sei, nicht die fünf Bücher charakterisieren wollen, sondern den Gesamtinhalt des Psalters) anschließen, so wollen wir damit sogleich der Mißdeutung vorbeugen, als ob wir in jedem einzelnen Psalm die Idee des Gebets gestaltet sähen, weil wir im ganzen Psalter ein Gebet sehen. Nach dem allen kommt es also darauf an, den Gehalt der fünf Teile scharf zu fassen. Vielleicht begreift man dann auch, weshalb die fünf Teile in dieser und keiner anderen Reihenfolge stehen und warum beim Sammeln oder Redigieren (um zwei beliebte Fragen aufzugreifen) ein weiterer Psalm in dieses oder jenes Buch eingeordnet wurde. Denn gerade hier reichen alle bisherigen formalen Erkenntnisse zur Erklärung des Tatbestandes schlechterdings nicht aus. Zugegebenermaßen erfolgte die Zuordnung eines weiteren Petenten in die werdende Sammlung weder immer nach Autorschaft, noch nach Alter, noch nach Zweck, sowenig sich auch verkennen läßt, daß diese Lieder nicht alle einzeln Einlaß begehrten, sondern auch dann und wann in geschlossener Gruppe antraten und — eintraten (Stufengesänge u. a.). Wonach also denn sonst, da doch Willkür gewiß kein Zuordnungsprinzip sein kann? Es ist keinem entgangen, daß am Ende des fünften Psalterteiles, also am Ende des ganzen Buches, Preisgesänge stehen. Es ist fast allen — außer jenem Eichhorn, dessen Schüler in biblischen Fragen zu sein Goethe dankbar bekennt — entgangen, daß unabhängig von allen Autor- und Zeitfragen im ersten Buch eine schwere drückende Stimmung herrscht1) Das ist auffällig. Wir sehen also einen tiefen Punkt am Anfang und einen hohen Punkt am Ende des Psalters. Das steigert unsere Aufmerksamkeit bis zu dem Grade, daß wir bemerken, daß im ersten Buch das Böse (das Gottlose) als schlechthin Vorhandenes neben dem Guten gleichen Raum beansprucht, und das nicht nur draußen in der Welt der Erscheinungen sondern auch in den Gedanken des oder der Psalmisten. Das Gesichtsfeld dieser Psalmisten ist eng, klein, unfrei Ihre ganze Kraft verzehrt sich in dem Kampf um die Selbstbehauptung und die Hintanhaltung des Bösen. Im zweiten *) Calvin hatte seinen Psalmenkommentar i5Ö7 mit den Sätzen begonnen: „ob nun Esra oder ein anderer die ganze Menge der Psalmen in ein Buch zusammengeschlossen hat, jedenfalls hat er ihm den Ersten Psalm gleichsam als Vorwort vorausgesetzt." 28

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.