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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Der Psalter
Date
1927-04-01
Page
26 (sequence 4)
Language
German
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Iludolf Hallo zulänglichkeit der kritischen und literarhistorischen Erklärungsversuche und damit die noch nicht genügend vertiefte Arbeit seiner Untersuchungsmethoden ein. Was beide sagen, mag richtig sein, aber es reicht nicht aus. Und doch ist das Problem, das uns der Psalter als Buch — und die ganze Sammlung der heiligen Schriften zur Bibel als einem Buch — stellt, mindestens für den Juden das Wichtigste. Denn, wenn irgendwo, muß sich im Charakter dieser Sammlung der Charakter echter Juden spiegeln. Es ist unsere Aufgabe, dann — wenn alle Quellen, alle Schichtungen, alle Verfasser, alle Bearbeiter, die biblisch zugegebenen wie die wissenschaftlich ermittelten, herausgearbeitet sind — dann zur Krönung der Arbeit den jüdischen Geist festzustellen, der diese mannigfachen verschiedenartigen Werkstücke zu dem Bau der Bibel zusammenfügte. Denn das wahre Ziel der Arbeit an der Bibel ist nicht die literarhistorische Bereicherung unseres Wissens, sondern eine begründete, ins Leben wirkende Einsicht in das Einzigartig - Jüdische dieser Heiligen-Schriften-Sammlung. Wenn sich vor dem überschärften aber engen Blick des kritischen Betrachters die Schriften der Bibel in ihre Elemente auseinanderlegen, so darf doch vor seinen klaren Augen das unzertrennte einheitliche Bild der Schrift niemals verloren gehen. Deshalb gilt es, die Kraft zu fassen, die in die bindungslosen Stücke fuhr und sie, wie ein elektrischer Strom, der wirre Eisenspäne auf den Linien seines Kraftfelds ordnet, zu schönen Formen auseinanderlegte. Denn an dieser Kraft haben wir etwas vom jüdischen Geist Gerade darum, weil das „Alte Testament" aus vielerlei Bausteinen besteht, gehörte ein Geist dazu, aus ihnen eine Form zu machen. Das Alte Testament als Buch (das Wort Buch ganz unproblematisch genommen) ist eine Leistung, und zwar eine umso größere, wenn sie absichtslos wurde. Wollten wir uns der bequemen Terminologie bedienen, so handelt es sich hier bei unserer Frage um die Konstituierung des Kanons. Aber Kanon (ganz gleich, ob Kanon der ganzen Schrift oder Kanon der i5o Psalmen) darf dann nicht nur von außen betrachtet werden, d. h. als Abschluß gegen Nachschub, der noch zugelassen werden will, sondern der Kanon muß von innen her als der Reif betrachtet werden, gegen den die eingehegte Fülle von der Mitte her andrängt und an dem sie brandend ausläuft In diesem Sinne ist der Kanon die Kontur dessen was er einschließt, nicht die Stoßfläche dessen, was er ausschließt, also eine Haut, kein Panzer. Am Psalter besprochen heißt das: nicht bloß fragen, wer die einzelnen Psalmen verfaßt oder redigiert hat, wann und zu welchem Zweck 26

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