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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Das jüdische Kind in der Schule
Date
1927-04-01
Page
20 (sequence 18)
Language
German
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Michael Müller-Claudius Garstige Menschen? — Ja, antwortete die Mutter lächelnd, zuweilen recht häßliche Menschen, doch nicht immer. — Kann ich einen Juden zu sehen bekommen? — Das kannst du wohl, antwortete die Mutter, und hob den Kleinen zu dem großen ovalen Spiegel empor, der über dem Sofa hing. Er stieß einen Schrei aus, der die Mutter bewog, ihn eiligst wieder auf den Fußboden herabzulassen, und er zeigte sich so entsetzt, daß die Mutter bedauerte, ihn nicht vorbereitet zu haben. Später sprach sie zuweilen davon." Einmal ertönt dieser Schrei in jedem jüdischen Kinde. Er ist der Schrei des Verwundeten, dessen Wunden nicht mehr heilen. Und mit diesem Schrei ist das Kind — der Andre geworden. Diese Wunde, die wir nicht kennen, muß in ihm biologische Kräfte auslösen, deren Besonderheit darauf gerichtet ist, Qual, Marter und Gefahr dieser Wunde zu bannen — biologische Kräfte, zu deren Auslösung in uns Andern keine Veranlassung besteht und die nun wie ein trennender Strom zwischen uns und ihnen fließen. Dieser Strom trennt — und er verbindet Denn sein Quellpunkt liegt in einer Wunde — und in der Hand, dem Wort, dem Lächeln, das die Wunde schlug. Und diese Hand, dieses Wort, dies Lächeln ist nie eines Juden gewesen — sondern unser. Dies ist ein Bing von seitsam-mystischer Tragik. Wie viel Trennendes der reine Typenunterschied mit sich führen mag — wir wissen es nicht Wir können es nicht wissen. Denn ehe das Bewußtsein seine erste Reife erhält, trlgt das jüdische Kind jene Wunde in sich, entfesseln sich langsam, naturhaft und mit biologischer Notwendigkeit jene Kräfte, die sich um die Not der blutenden Wunde legen, — und die unserem Erleben für alle Zeit fremd bleiben. Alle die hingehen und alle Tage zu dem deutschen Volke sprechen: „Hebet eure Hände auf gegen die Juden! Verdammt sie! Denn sie sind die Fremden 1*' — weiß einer von ihnen, in welcher Tiefe der Verfemten die Fremdheit des Typus und in welcher — tieferen Tiefe jene andre Fremdheit anklagend leidet, die unsre Hände in die tiefsten Tiefen des Kindes schon warfen, bittere Saat, über deren Wachstum der Sämann am wenigsten richten darf; denn was er in der Ernte das Fremde nennt, ist in der Saat mit ihm verbunden, wie seine Hand mit seinem Leib. Die jüdische Frage trägt für uns Tiefen in sich, die wir wagen müssen zu sehen und mit unsrer Erkenntnis zu durchleuchten. Ohne dies Licht gibt es keine Rechtsprechung und keine Verantwortung. Ohne dies Licht werden 20

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