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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Das jüdische Kind in der Schule
Date
1927-04-01
Page
21 (sequence 19)
Language
German
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Das jüdische Kind in der Schule wir uns selbst schlagen. Davon wird die Rede sein. Alles unerhellte Dunkel ist von Gefahr für den, der in seinem Gewissen nicht willens ist, es zu erhellen. Ein gelehrter, besinnlicher und kultivierter Philosoph erzählte mir: „Ich ging im Niedersachsischen zur Schule. Ein Jude war nur in meiner Klasse. Aber er war doch so anders, daß schon wir Jungens ,diesen Brüdern' so recht mißtrauen lernten. Ich habe dann nie mehr mit Juden eine Berührung gehabt Aber heute noch, wenn ich in meiner Heimat gewesen bin und nach Berlin zurückkomme und die vielen Häuser und die vielen Menschen sehe, muß ich wieder an meine Kindheit denken, und dann sind mir die Juden wieder so verhaßt, wie der Jude Saul auf der Schule." Ich habe diese Äußerung im Wortlaut bewahrt Sie ist symptomatisch. Der Jude, der Andre, wurde auf der Schule mit Mißtrauen umgeben. Man hatte keine Deutung für sein Anderssein. Dieses Jugenderleben der Fremdheit wirkt bis ins Alter hinein bestimmend auf die Urteilshaltung gegenüber den Juden. Die Stadt mit ihrer Masse, ihrer unklar sich tausendfach überschneidenden Beweglichkeit, ihrem sich drängenden Tempo, ihrem beherrschenden Atem, mit dem sie den Einzelnen einsaugt — diese Stadt ist dem Niedersachsen, der beharrlich und eigenwillig seinen Sinn, seinen Rhythmus, sein Tempo gewahrt und einzeln gewertet wissen will, ein Ärgernis. Er wird in ihr nie heimisch sein. Sie trägt nicht zur Entfaltung der Werte seiner Art bei, und sie ist für sein Sehen, für seine geistige Existenz mithin ein Unwert, ein Fremdes, ein Verhaßtes. Und dies Fremde bringt er heute noch in eine völlig blinde Verbindung mit dem Fremdheitserlebnis seiner Jugend: „Wenn ich die vielen Häuser und die vielen Menschen sehe, ----dann sind mir die Juden wieder genau so verhaßt, wie der Jude Saul auf der Schule." Das Kindheits- und Jugenderlebnis hat hier eine Gestalt des Juden geformt, die gewachsen ist, hineingewachsen in das individuelle Wertsystem des Mannes und ausgeformt zum Symbol, in dem alles Befremdende, Unerwünschte, Abgewiesene, Hemmend-Unwerte innerhalb der eigenen Erfahrung zusammenrinnt mit dem Fremdheitserlebnis der eigenen Jugend. In diesem Symbol des Juden wird das Unerwünschte ursächlich gedeutet, abgelehnt und bekämpft Der Jude bleibt nicht nur, was er dem Jungen war: Der Fliehend-Abtrünnige, der Unheimliche, der „das Andre" will — er wächst vielmehr in der Vorstellung aus diesem zu dem, der „das Andre" Tag für Tag unterirdisch und feindselig zeugt 2t

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