Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 19 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Kind in der Schule In zwei oder drei Jahren sind diese Entwicklungsunterschiede an sich beseitigt Von dem Nichtjuden wird die eigene betont-männliche Beherrschtheil nun nicht mehr als affektiert, sondern als untadlige Haltung bewertet Eine gelassene Gesprächsführung und reservierte Eigenwahl in allen Gebieten werden als Zeichen der geschlossenen Persönlichkeit gefordert; die angespannte, präzisierte Arbeitsenergie erscheint nicht mehr als Gier, sondern als Pflichtstärke. Aber es ist zu spät für einen entsprechenden Ausgleich der irrig-tragisch gewachsenen Entfremdung, die nun als Rassengegensatz gedeutet wird. Man ist im frühen Alter nicht geneigt, so weitgehende und berichtigend-vergleichende Selbstreflexionen anzustellen. Man hat keine Zeit dazu. Immer noch ist der biologische Nutzwert der Zeit und des Betrachtens willenhaft, begehrend, fordernd und formen-bezwingend in die Zukunft gerichtet Das Bild des Juden aber ist in der Seele des Nichtjuden gewachsen zum Bild des unheimlich fremden Feindes, dem man mit Argwohn begegnen muß. Aber besser ist es, man begegnet ihm nicht Besser ist — er ist nicht da. Und damit er nicht da ist mit seiner unheimlichen Seele, die man als treulos, fliehend, gierig und ohne Gemeinschaft erlebt hat muß man ihn bekämpfen. Und man darf ihn bekämpfen. Man braucht ihn nicht zu schonen. Denn er ist der Fremde. Er hat der Fremde sein wollen, von Jugend auf. Denn er hat von Jugend auf den Ring der Gleichen gemieden. Erlebnis und Symbol. Georg Brandes erzählt in seinen Lebenserinnerungen diese frühe Kindheitszene: „Wenn er (Georg Brandes selber) dem Dienstmädchen nachtrollte, das den jüngeren Bruder an der Hand hielt, hörte er zuweilen hinter sich etwas rufen, und wenn er sich umwandte, erblickte er einen grinsenden Jungen mit verzerrtem Mund und drohenden Händen. Lange Zeit hatte er nicht weiter darauf geachtet, aber allmählich kehrte der Ausruf öfters wieder, und er fragte das Mädchen, was er bedeute. Sie antwortete: Ach, nichts! Auf seine wiederholte Frage sagte sie nur: Das ist ein garstiges Wort Aber eines Tages, als er von neuem den Ausruf vernommen hatte, wollte er Bescheid wissen, und als er nach Hause kam, fragte er seine Mutter: Was bedeutet das? — Jude! sagte die Mutter. Juden, das sind einige Menschen. — 2* 19