Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 18 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius Aufgabe, sie gleichsam mit zähem Bohren zu öffnen und zu durchbrechen. (Die biopsychische Bedeutung dieser jugendlichen Distanzgefühle ist viel zu wenig praktisch gewürdigt Hier ein typisches Beispiel, an dem man sich außerhalb unsres spezifischen Falles die Bedeutung dieser Distanzgefühle oft vergegenwärtigen kann: Ein Schüler hat vorübergehend die Schule verlassen, weil er einer längeren Erholungskur nach schwerer Krankheit bedurfte. Nach einem Jahr kehrt er zurück, und zwar — selbstverständlich — in die gleiche Klassenstufe, die er vor seiner Erkrankung verlassen. In dieser Klassenstufe ist er der Ältere und erheblich Gereifte gegenüber den Klassengenossen. Denn Krankheitskrisen wirken im allgemeinen beschleunigend auf den Ablauf der Pubertät In diesem Falle wird man fast stets die gleiche Steigerung des Selbstbewußtseins, der Arbeitsenergie, der vertrauenden Zähigkeit beobachten, wie wir sie bei dem jüdischen Schüler aufzeigten. Auch in ihm haben die Distanzgefühle ihren biopsychischen Wert entfaltet und frachtbar gemacht) In dem nichtjüdischen Mitschüler aber bestätigt jenes Verhalten des jungen Juden die alten Gefühle der Fremdheit Der Jude ist abermals der Andre, der aus der Gemeinschaft schreitende. Was dem Nichtjuden noch fremd ist — und was nach Vollendung der Pubertät auch sein Kennzeichen sein wird, erscheint ihm jetzt noch als das Fremde schlechthin. Und als Unwert Denn es widerspricht der natürlichen Eigengesetzlichkeit und dem natürlichen Wertsystem seiner Entwicklungsstufe. Die Erlebnishaltung des Juden liegt für den Nichtjuden im noch nicht erlebten Räselhaften, im noch nicht durchfühlbaren und deshalb abgewiesenen Dunkel, das ihm nichts andres sein kann, als eine feindselig-geheimnisvolle Zone, in die der Andre überheblich und aus undurchsichtigen Gründen eingebrochen ist Die betont männliche Beherrschtheit des Juden erscheint dem Nichtjuden in der Pubertät als affektiert, das bereits Gelassene seiner Gesprächsführung, die bereits reservierte Eigenwahl als blasiert oder geradezu impertinent Die Entwicklung und der Erfolg seiner Arbeitsenergie wird als schlechte Gier gewertet, als unziemliches, freudeloses Überrennen der Klassenkameraden. Man schließt sich gegen den Juden ab. Man ist fertig mit ihm Er ist der unheimliche Fremde geblieben, als der er durch alle Stufen der Kindheit erschien. Man geht auseinander mit diesem bittren zornigen Gefühl der Entfremdung gegenüber einer Gruppe, die treulos floh, treulos das Andre wollte, die nicht gleichen Sinnes zu sein vermochte und die mit gefährlich-benachteiligender Gier auf die andren drückte, welche das Fehlen dieser Gier als das edlere Recht der Jugendfreiheit empfanden. 18