Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 17 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Kind in der Schule fragt Sie nehmen Qualen auf sich, wenn sie mit Älteren so mittun dürfen, als seien sie selbst Ältere. Dies alles ist der Ausdruck des Vorwärtsdrängens. Sie möchten die Gitter der Zeit zerbrechen, um schneller in das Zukünftige hineinzuleben. Darum ist es nicht anders: Der junge Jude fühlt sich im Triumph gegenüber dem gleichaltrigen Nichtjuden, über dem noch die Irrlichter der Pubertät flackern. Er verleiht diesem Gefühl des Größerseins, des überlegenen Erwachsenseins naturgemäß gern Ausdruck innerhalb der Klassengemeinschaft: in der betont männlichen Beherrschtheit, einer gelassen-überheblichen Gesprächsführung, einem nachsichtigen Mittun, wo es unumgänglich ist — und einem unterstrichenen Reservieren, wo es sich irgend zeigen läßt Die Wahl der Kleidung, des Buches, des Umganges — alles das hebt ihn mit selbstbewußtem Sichtbarmachen von den Andren ab. Dazu kommt, daß die frühere Reife sich in den Schulleistungen bemerkbar macht: Das Denken, der Ausdruck, das Gedächtnis sind straffer, sicherer und nicht mehr den plötzlichen Schwankungen der Pubertät unterworfen. Der junge Jude hebt sich vielfach durch sichtbare Erfolge aus dem Durchschnitt der Klasse hervor, und diese Erfolge bestätigen gleichsam das Recht auf jenen Triumph über die Andren. Sie steigern abermals sein Selbstbewußtsein, in dem die erfahrene Gewißheit unbedingt überlegener Geistesstärke Anker wirft Daß dem Jugendlichen nach der ganzen energetischen Struktur seines Denkens und Sehens nicht zum Bewußtsein kommt, wie sehr diese erfahrene Überlegenheit in der Klassengemeinschaft eine rein periodisch bedingte ist, wird für den jungen Juden von ungeheurem biologischem Wert Denn eben weil er an das Unbedingte seiner überlegenen Geistesstärke glaubt, wird die Unternehmungslust in ihm, der Wagemut, die vertrauend-sichere und ruhig-zuversichtliche Arbeitsenergie auf das vorteilhafteste gesteigert Es ist eine typische Erscheinung, daß der junge Jude sich selbstbewußt eine Aufgabe zutraut, vor der seine Mitschüler noch zagend und zweifelnd stehen. Denn jene Steigerung der ruhig-zuversichtlichen Arbeitsenergie reißt seine Lust und seine Kraft mit sich fort Er überwindet Schwierigkeiten mit zähem Eifer, und sein Eifer hat wiederum diese pausenlose Zähigkeit, weil das Selbstvertrauen in ihm durch das Distanzgefühl gegenüber den Anderen überhöht und aufgegipfelt wurde, so daß er an den Erfolg seiner Arbeit uneingeschränkt glaubt und angesichts einer Schwierigkeit keinen Grund sieht, zu ermatten und zu zweifeln. Jede Schwierigkeit wird ihm die selbstverständliche 2 17