Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 16 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897643--01701-2897692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Michael Müller-Claudias die da3 sichernde und glückliche Gefühl der Mehrheit wie ein Segen, wie eine Allmacht begleitet, gegen die es nicht Kampf und nicht Waffe gibt Und dieser unbegreifliche, schmerzhafte Anblick wird Melancholie in dem jüdischen Kinde, oder Verzweiflung und Scham — oder Abkehr. Allein wenn der junge Jude — wiederum früher und rascher — die Periode der Pubertät in den entscheidenden Stadien durchmessen hat, steht er dem Nichtjuden mit den umgekehrten Gefühlen gegenüber. Der Nichtjude treibt noch in dem verdunkelten Ozean der Pubertät, bald versinkend, bald scheinbar stark und zuversichtlich auftauchend — um plötzlich wieder ermattet, erschreckt in ihm unterzugehen im bebenden Suchen nach seiner Gestalt Immer noch sind die Nicht juden Einheit und Mehrheit; ihre Stirnen tragen nicht mehr heimlich und verborgen, sondern offen und mit gewollter Schärfe die Zeichen der Feindschaft und der Ablehnung. Denn abermals ist der Jude der Andre, der nicht mit ihnen auf dem gleichen Ozean treibt Aber der Andre trägt nun ein Wissen in sich, das er früher nicht trug: daß er ihnen voraus ist, daß sie Kinder sind, daß sie „noch nicht" so weit sind wie er. Zum ersten Male lächelt er über sie, wie man über Kinder lächelt Und das alte Leid der Kinderjahre greift nach diesem Lächeln, wie ein Verzweifelnder und Verdurstender in der Einöde nach einem Quelle greift, der ihn rettet: All dies Leid der Kinderjahre stürzt sich gierig in jenes neu gewonnene Lächeln und macht es wachsen zu einem klirrenden Lächeln des Sieges, des Größerseins, des Triumphes über die, die noch Kinder — und die darum „hinten" sind. Wie ein paar Jahre vorher den nicht jüdischen Kindern, möchte man nun dem Juden zurufen: Richte nicht über sie. Sie sind nicht die Kiemen, für die du sie hältst Erhebe dich nicht; denn sie sind in dem Ozean, aus dem du eben kommst, und ihr Weg und dein Weg sind die gleichen Wege mit gleichen Zielen. Aber er hört uns nicht Wir sagten es: Selbstbewußtes Abheben und vergleichendes Unterscheiden der Lebensepochen ist dem Jugendlichen fremd. Er weiß, was er sieht, und er wertet nach dem, was er sieht Alles Sehen aber ist in die Zukunft gerichtet Alles was Wert hat, hat diesen Wert aus den Beziehungen zum Zukünftigen empfangen. Dem Jugendlichen ist Kindheit ein Unwert, fast lächerlich. Man kennt den Drang der Jugendlichen, sich „alt zu machen". Sie erröten über ihr eigenes Lebensalter, wenn man sie danach 16