Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897643--01699-2897690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Michael Müller-Claudius vielen Augen nie wieder zerreißt---- und durch den gesehen, der „Andre" immer schattenhaft, blutleer und wie in kaltem Nebel erscheint---- Ein Vorhang, der uns von Kindheit an begleitet, wird uns leicht unspürbar____wir wissen nicht mehr, daß er da ist---- und daß das Schattenhaft- Ferne, das Blutleere und der kalte Nebel um den Anderen — nicht ihm gehört, sondern dem grauen Vorhang, der ihn verhüllt und entstellt---- Kommen die Entfremdeten im Tunnel zusammen? Holt das nichtjüdische das jüdische Kind dort ein? Ist es eine Weile mit ihm umfangen von dem gleichen Halbdunkel jener Indifferenzperiode? Fühlen sie beide gleichermaßen jene einspannende, sammelnde Verdumpfung und Verkapselung der Lebensenergie, die geschont werden muß für die vulkanischen Krisen der Pubertät? Erleben sie wenigstens auf kurzer Strecke, daß der Andre, der Entfremdete garnicht mehr der Andre ist, sondern daß sie alle gleichermaßen jene „Andren" geworden sind auf dem einen Wege der Natur, der keinen Unterschied der Typen kennt? Nein. Dieses versöhnende Sehen ist ihnen nicht beschieden. Selbstbeobachtung, selbstbewußtes Abheben und sehendes Unterscheiden verschiedener Epochen des eigenen Erlebens ist der Kindheit völlig fremd. Ihr Sehen ist ganz auf die Gegenwart gestellt Allmählich wendet es sich der Zukunft zu mit aller Wildheit des Begehrens, des Hoffens, des Sehnens und des träumenden Malens der Phantasie. Aber eben deshalb blickt das Kind und der Jugendliche nie rückwärts. Alle Kraft wird biologisch zu dem entscheidenden Blick in das Kommende gebraucht, das zu bezwingen, zu gestalten und zu durchmessen ist Bis fast zum 3o. Lebensjahre erkennen wir keine vergangene Lebensepoche an. Alles scheint uns Übergang, alles scheint uns Vorstufe, die zu Werten führt, aber nicht Werte in sich trägt. Erst später stabilisieren wir und werten wir gleichsam erinnerungshaft. die Geltung, die Schönheit und den Eigensinn der Jugendepochen auf. Nicht nur deshalb findet ein versöhnendes und wieder einander verstehendes Begegnen zwischen dem jüdischen und nichtjüdischen Kinde in der Tunnelperiode nicht statt Es kann überhaupt nicht mehr geschehen. Denn das jüdische Kind durchmißt den Tunnel auf schnellerem Wege, in kürzerer Frist als das nicht jüdische. Wenn das nichtjüdische Kind in die Indifferenzzone eingeht, ist das 14