Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 13 (sequence 11)
- Language
- German
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Das jüdische Kind in der Schule des Aelteren ist, von ihm aus gesehen, Treulosigkeit Man weiß nicht mehr, woran man bei ihm ist Was er früher bejaht, verneint er nun. Wo er Freude empfing, quillt ihm nun ein müde-abschätziges Lächeln um die Lippen. Der Aeltere wird dem Jüngeren ein Anderer, ein Enttäuschender, ein Unzuverlässiger, einer, dem man mißtrauen muß und vor dem sich die harmlosoffene Freundschaft nicht mehr bewährt Solche frühen Erlebnisse der Entfremdung und des Mißtrauens entsenden nicht immer tiefe und verhängnisvolle Wurzeln. Allein es ist eine durchaus häufig zu beobachtende Erscheinung, daß jenes Mißtrauen in das Wesen des Jüngeren hineinwächst und bis in das Alter einen gewissen Stimmungshintergrund gegenüber dem Aelteren aufrechterhält In der gesellschaftlichen Gruppengestaltung einer Klasse stellt sich dieses Entfremdungsbewußtsein zwischen das jüdische und das nichtjüdische Kind alsbald mit den mißtrauischen Augen und der scharfen Stimme des Anklägers. Dieses Stückchen Weges, das das jüdische Kind vorauseilt, ist ohne Brücke zu dem nichtjüdischen. Es ist Verhängnis. Es kann nicht verziehen werden, weil das Kind es nicht verstehen kann. Der „Andere", der Entfremdete, der sich löste aus der Entwicklungsgemeinschaft, erscheint dem Kind als der, der sich abwenden wollte, der andre Wege sucht und der etwas vorhat, was sie alle nicht vorhaben, und was er ihnen nicht zeigt Was hat er vor? Kann es etwas andres sein, als jenes Unheimliche, von dem man schon einmal sprach, als man den Juden entdeckte? Es bedarf keines andren Gefühls als dieses, und es ist geschehen: Die große Gruppe der nicht jüdischen Kinder wendet sich von den jüdischen ab. Nicht stumm Sondern suchend, tastend und mit dem Willen, das Unheimliche zu erraten. Die alten Judengeschichten, längst vergessen, wachen auf. Sind sie nicht sichtbarlich bestätigt durch das undurchsichtig fremde Gebaren des „Andern"? Neue Geschichten weben sich in die Alten, und alle müssen jene Stimmung des Unheimlichen irgendwie bestätigen. Die kindliche Phantasie braut und kocht in ihnen. Sie bedarf ihrer, um das „Fremde" abenteuerlich eben als das „Fremde" genießen und durchgruseln zu können. Und alle diese kleinen heimlich-unheimlichen Vermutungen, Verfemungen, Feindschaften und Phantasien weben sich fester und fester und weben einen grauen Vorhang zwischen dem jüdischen und dem nichtjüdischen Kind____einen Vorhang, der 13