Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 12 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius verborgen ist, seine Neigungen und Abneigungen sind nicht ihre Bewegungen, ihr Tempo, ihre Wünsche und Träume, ihre Neigungen und Abneigungen. Er, der ihnen schon einmal, plötzlich, als der Andere, der Fremde erschien aus Gründen, die nicht dem eigenen Spüren und Erleben, sondern äußeren Zonen der Tradition entstammten, und die deshalb leicht verflackern konnten — er wird nun vermöge jenes naturhaften Anders-Werdens von ihnen selbst als der Andre gesehen, gefühlt, erlebt Wieder steht er der Gruppe der nichtjüdischen Kinder isoliert gegenüber. Aber nicht geschlagen und ausgestoßen, sondern einfach naturhaftentwicklungsmäßig. Sie stehen noch im Kinderland — er durchschreitet bereits den Tunnel hinter dem Kinderland. Man möchte ihnen zurufen: Richtet nicht über ihn! Er ist nicht der Andre, für den ihr ihn haltet Er ist nur der Andre, der auch ihr alle werden müßt Der Tunnel, in dem er geht, wartet auch eurer. Ihr alle müßt durch das gleiche Tor und das gleiche Dunkel gehen. Sein Weg, vor dem ihr erschrocken und unverstehend steht, ist euer Weg und der Weg aller Jugend. Aber sie hören uns nicht Man kann Zukunft nicht erleben. Was uns Wissen ist, ist ihnen zugeschlossene, dunkle Ferne. Sie glauben ihren Augen — und ihre Augen sehen das jüdische Kind untrüglich als einen Entfremdeten, der nicht mehr der ihre ist Sie haben ihn nicht ausgestoßen — er ist allein von ihnen gegangen. Er hat keinen mitgenommen: Er hat sich selbst von ihnen entfremdet So sehen sie es. Sie können es nicht anders sehen. Es ist schon innerhalb einer Familie oftmals schwer bis zur Aussichtslosigkeit, solche Gegensätze auszugleichen, wenn sie zwischen Geschwistern auftreten, die gerade in den Entwicklungsperioden zeitlich voneinander gelrennt sind. Zwischen einem Jüngling und einem Kind sind dabei keinerlei Schwierigkeilen zu befürchten. Sie erleben zwischen sich unverändert eine gewisse Ordnung konstanten und deshalb nie enttäuschenden Abstandes. Gefährlicher ist es, wenn zwei Brüder im Alter nur soweit verschieden sind, daß sie zwar noch zusammen in der Kindheit standen — daß aber der ältere sich nun aus diesem gemeinsamen Kindheitstim herauslöst und vor den Augen des jüngeren, in die Indifferenzzone eingeht Hier erlebt der Jüngere, daß eine gute, freudige und gleiche Ordnung ins Wanken gerät Das Abwenden 12