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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 10

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Das jüdische Kind in der Schule
Date
1927-04-01
Page
10 (sequence 8)
Language
German
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Michael Müller-Claudius Wer ermißt die formende Gewalt dieses Leides? In jedem Juden ist ein Leid gewachsen durch alle Jahre seines jungen Lebens, das in keinem von uns gezerrt und geweint hat Wir haben es in ihn geworfen mit lachenden Kinderaugen. In ihn ist es gestürzt und hat seine Seele blutig gerissen. Der Blutende muß freilich ein andrer werden als der, der lachen durfte. Dies Anderssein faßt keine Rassenpsychologie. Aber jede Rassenpsychologie irrt, von den Anfängen der Methode her, wenn sie ihre Rechnung aufstellt ohne eine gewissenhafte Betrachtung der formenden Gewalt dieser ersten sozialpsychischen Erlebnisse, die freilich kaum den Rahmen der üblichen Rassenpsychologic berühren. Was säen wir mit diesem Leid? Wir waren Kinder, da wir es säten, und wir wußten nicht, was wir taten. Wenn es wächst: wird es Stärke werden? Wird es Armut im Wesen werden? Darüber wird zu reden sein. Hierüber ist aber kein Zweifel: es ist in aller Saat, allem Wachstum und aller Ernte dieses Leides, das sich mit den Elementen der Seele in ihren Tiefen und Tiebkräften verbindet, ein Geschehen und eine Stimme, die wir nie in uns tragen und die uns deshalb fremd sein muß. Wie aber? Kann dir und mir und uns allen fremd sein, was wir gepflanzt haben mit unsren Worten, mit unsren Augen, mit unsren Händen? Diesseits und jenseits des Tunnels. Ehe über das Kind jene erschütternde Gärungsperiode der Pubertät hereinbricht, jene verzerrte Hölle des furchtbar-fruchtbaren, zermalmend-formenden, leidenseligen und zerstörend-begehrenden Herausmeißeins der ersten Konturenzüge, die entscheidend bleiben für das Gestaltungsschicksal des zum Selbstbewußtsein hin tastenden jungen Menschen — ehe jene Hölle in ihren heißen und ängstigenden Stürmen das Kinderland versinken läßt, wird das Kind umfangen von einer seltsamen Periode des Stillseins, die sich wie ein halbdunkler Tunnel zwischen dem reinen Sonnenland der Kindheit und dem wetterzerpeitschten Klippenland der Pubertät hinbreitet Diese Tunnelperiode stellt sich der Beobachtung dar als eine dumpfe, nach allen Seiten ungeöffnete Periode der Indifferenz. Die schnell entfachte Heiterkeit der Kindheit wird schattenhaft, träge und müde. Das Drängen nach bewegtem Tun ermattet Von den alten Spielen 10

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