Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 9 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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"Das jüdische Kind in der Schule Messer____ Es gibt nichts, dies zu verstehen, warum dies Sein von heute, dies freundliche, unbekümmerte Sein, in dem einer ist, was sie alle sind, morgen verwandelt sein kann in ein andres Sein, in das man mit geballten Fäusten gestoßen wird, über das sie alle sich erheben und über das sie Hohn und Gelächter gießen. Wir alle, die wir zu keiner Sekunde von dem Schatten einer solchen Qual angerührt wurden, was wissen wir davon? Wir sehen das jüdische Kind nicht seltener lachen und überschäumen von Jugendfreude als das nicht jüdische. Und doch: dies Lachen ist ein andres Lachen. Diese Jugendfreude ist nicht die gleiche, die um uns leuchtete. Denn dies Lachen hat keinen Boden unter sich. Es gleitet immer wie über eine schwankende Brücke. Es steht immer über einer Wunde. Es ist nicht das Lachen, das sich sorglos verschüttet in der Gewißheit: morgen und alle Tage kehrt es wieder, denn es ist das unerschöpfliche und beste Gut des Lebens. Dies Lachen des jüdischen Kindes ist immer umschwelt von der Schwermut: „vielleicht morgen schon wird es nicht mehr da sein dürfen mit dem Lachen der Anderen. Morgen schon wird es vielleicht den andren allein gehören; um meinetwillen wird es in ihren Augen stehen — es wird mich schlagen, und es wird mich ausstoßen, und die Wunde wird brennen____" Wer von uns hat das gesehen? An wessen Ohr hat solche Klage gepocht mit heißer, verzweifelter und brechender Stimme? Manchmal hat sie wohl ein Lehrer gehört, einer von den wenigen, der vor jedem Kind mit der Pflicht behütender Freundestreue steht, wenn zu ihm der Knabe flüchtete, der eben noch froh war mit den Frohsten — nun aber hat ihn das Wort des andren geschlagen und gekennzeichnet, und nun sind seine Augen erschrocken, gramvoll, verstört und verwirrt, als habe sie der Tod mit kaltem Atem angerührt---- Darum ist schlechthin die jüdische Kindheit eine andere Kindheit, als die unsre. Eine erschütterte Kindheit Eine umschattete Kindheit Eine Kindheit, in die Leid hineinblutete, das wir nie erfuhren und dem wir deshalb fremd bleiben mußten — wiewohl es von uns kam. Wenn wir von Scheidung reden: was trennt den Juden mehr von uns: die „Rasse" — oder die andre Kindheit, diese Kindheit mit der Saat des Leides, die wächst und groß wird, die wir nicht in uns tragen, und die wir in 'den Juden gesät und eingegraben haben? 9