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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Das jüdische Kind in der Schule
Date
1927-04-01
Page
8 (sequence 6)
Language
German
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Michael Müller-Claudius Blutes, der die erste Wunde verschließt, die Feindseligkeit dem Wehrlosen geschlagen. Jedes Kind will glücklich sein. Es will lachen, wenn alle lachen. Es will die Sonne mit den Händen greifen. Das ist seine Stärke, mit der es immer siegt Mit dieser Starke verbannt auch das jüdische Kind die schwere, warnende Stimme jenes Blutstropfens. Es fürchtet sich vor ihr. Es will stolz sein mit den Stolzen. Es will stark sein mit den Starken, es will ungeplagt lachen mit den Frohen. Es lacht mit den Lachenden — und dennoch wird es nie mehr das gleiche Lachen kennen wie die anderen. Denn es gibt nun einen Unterschied, einen nie mehr tilgbaren, zwischen ihm und den anderen: den Blutstropfen und die Wunde. Die Wunde ist schmerzlos in guten Stunden. Sie ist vergessen wohl in den meisten Tagen des jungen Lebens. Aber sie ist da. Und eine leise Stimme aus ihr findet ihren Weg in die Kindeslust: „Du bist ein ,Anderer'. Vielleicht heule nicht und morgen nicht----aber wann----wann?---- Vielleicht schon in der nächsten Pause____" Eine flüchtige Wendung, vielleicht ganz zufälligjähes Verhalten eines Mitschülers, ein verzogener Mund — vielleicht um ganz anderer Ursachen willen — dies alles kann die schwere, warnende Stimme an den Horizont des Fühlens heben, und dann — dann ist es mit dem Frohsinn zu Ende. Dann steigt Wehmut, vielleicht Auflehnung, Trotz, die Härte des Zornes in dies Auge, das eben noch mit den Frohen lachte----und auch dies ist vielleicht nur eine plötzliche Woge, die sich schnell glättet und aufgeht in dem unerschöpflichen Ozean kindlichen Frohbegehrens. Aber aus diesen Wogen, die den stillen heiteren Lebensspiegel des jüdischen Kindes verzerren, senkt sich ein schmerzender Niederschlag in das gestaltformende Wesen des kleinen Menschen hinunter, der nicht mehr wegzuspülen isl und wird ein Wissen, ein immer wieder übertöntes, fortgeschobenes — und immer wieder sich in die Narbe jener ersten Wunde einpressendes Wissen: Diese alle dort, die sich die „Anderen" nennen, „die Anderen" mit irgendwie erheblicherem Recht, diese alle können Wunden schlagen mit einem Wort — und sie allein haben dieses Wort Es gibt keins, das man zu ihnen zurückwerfen kann, mit dem man sich wehren kann---- und es gibt nichts, dies zu verstehen, daß sie Andre sind und sich zuweilen ein erhobenes Recht zusprechen, und daß sie Worte haben, die nur sie werfen können wie offene 8

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