Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897643--01691-2897682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Michael Müller-Claudius Reiz, und heimlich, wiewohl schwer von Gerüchten und immer neu eingeholten Beispielen und unheimlichen „Judengeschichten", halten solche Gruppen sich zuweilen Monate lang, ohne daß irgend ein Zeichen sie dem jüdischen Kinde enthüllte. Es sieht sich gelegentlich vielleicht irgendwie gemieden; aber das gerade ist ein alltägliches Erlebnis ohne Gewicht, denn das Gemeinschaftsleben einer Schulklasse ist, zumal bei der starken amtlich zugelassenen Frequenz, überaus reich an vielfach sich überschneidenden Gruppenbildungen mit allen ihren Zufälligkeiten, Isolierungen, Wandlungen. Allein selbst, wenn irgendwann jenes Gefühl entwertender Fremdheit sich dem jüdischen Kinde gegenüber vernehmlich macht — solche Äußerungen pflegen grausam und voller Hohn zu sein — wenn arglos oder bösen Sinnes jenes Bestehen einer feindseligen Gruppe dem jüdischen Kinde zugetragen wird und die Schamröte und der Zorn des Geschmähten auf seiner Stirn aufbrennt, pflegt die Nachwirkung nicht von Dauer und von Tiefe zu sein. Es ist stets falsch, wenn psychologische Darlegung früher Kindheitserscheinungen den Ergebnissen eine Schwere und Tragweite beilegt, die ihnen von Natur her nicht innewohnen. Alles Kindliche ist geneigt, sich schnell, grausam und zugespitzt zu entladen — und ebenso schnell wieder zu verlöschen. Die gruppenbildende Feindseligkeit gegen das jüdische Kind tritt plötzlich auf. Sie schwelt, sie wirbt, sie bricht vielleicht durch, sie wirft Schmach auf das jüdische Kind, gesteigert und gleichsam berauscht durch das sieghafte Gefühl der gebietenden Mehrheit gegenüber einer kleinen Minderheit — und sie sinkt mühelos wieder in Verdämmern und Vergessen zurück. Sie wird wieder vorbrechen, plötzlich, aus rein zufälliger Konstellation von Ursachen — und immer wieder versinken, verlöschen, schnell überholt vom Ungestüm vielfältig kindlichen Erlebens. Denn eben jenes Urteil des anderswertigen Fremden ist nicht aus persönlicher Anschauung herausgewachsen. Es stammt in keiner Weise aus eigenem Erleben. Wenn das jüdische Kind im Klassenregister als evangelisch eingetragen gewesen wäre, so hätte es nie jener Dunst des Fremden und Unheimlichen umgeben. Es wäre nie in feindhafte Aussonderung geraten. Jene Urteile wären ungefällt geblieben. Weil sie ohne persönliches Erleben, ohne individuelle Gründe und Bedingtheiten, nicht aus dem Kinde kommen, sondern an es heranschlagen, müssen sie in jedem Falle flüchtig bleiben wie ein Spiel oder wie eine VokabeL 6