Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Das jüdische Kind in der Schule
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Das jüdische Kind in der Schule Kind gastweise — etwa aus Gründen einer Aufnahmeprüfung — sich in der Gemeinschaft befand- So schweifend ist der Sinn des Kindes veranlagt, so sehr ist es neuen Eindrücken hingegeben, selbst wenn diese Eindrücke keinerlei Beziehung zum persönlichen Tun, Denken und Geschehen haben. Sie sind interessant nur um des Andersseins willen. Das Anderssein ist für kindliches Bewerten ein Ruhm an sich. Allein mit dem Anderssein des Juden verbindet sich sehr bald ein besonderer, ein unheimlicher Ruhm. Denn die Entdeckung des — oder der — Juden in der Klasse ist eines jener Ereignisse, die der Mitteilungsdrang alsbald vor dem Elternhause ausbreitet Wie die Lage zurzeit in Deutschland ist, wird das Kind in seltenen Fällen wahrnehmen, daß jene Entdeckung einem gestenlosen Hinnehmen begegnet Es ist nicht nötig, daß das Wort „Jude" alsbald im Elternhause einen Durchbruch feindseligen und streng und bitter warnenden Geistes erwirkt Ein plötzliches Schweigen, ein leises Heruntergleiten der Augenbrauen, oder nur die Abwehr in der Frage: „Was geht das dich an?" — dies genügt, um auf das Kind das Gefühl zu übertragen, mit dem Juden sei irgend etwas nicht in Ordnung. Man hat das Wort „Jude" zu Hause nicht mit der gewohnten Haltung und dem unbefangenen inneren Begleiten aufgenommen. Am nächsten Morgen wird das Kind den entdeckten Juden mit großen Augen ansehen. Irgendwie ist er ein „Andrer". Nicht einer,, der argloses Fragen erheischte, sondern bei dessen Erwähnung man schweigsam wurde ... das „Anderssein" erhält die Note des Unheimlichen, des Fremden. Dies Gefühl des Unbestimmten, des inhaltlos-Unheimlichen, ohnehin ein schwebendes, suchendes, Klarheit und Wissen begehrendes Gefühl, verweilt nicht lange. Es gibt heut keine Klasse, in der nicht alsbald die Stimme der Feindschaft, die Stimme der Entwertung erklänge. Sie mischt sich alsbald, gierig ergriffen, gleichsam ausfüllend, in jenes noch unbestimmte Gefühl des Unheimlichen, und damit steht dem jüdischen Kind eine Gruppe gegenüber, von der es als fremd und geringeren Wertes betrachtet wird. Es ist keinesAvegs gesagt, daß das jüdische Kind von dieser Gruppenbildung weiß. Es ist nicht einmal gesagt, daß es sie ahnt Meine Beobachtung ist wiederholt dahingegangen, daß jüdische Kinder völlig arglos solchen Gegnerschaften gegenüberstanden. Alles Heimliche steigert in kindlichen Augen den 5