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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 4

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Das jüdische Kind in der Schule
Date
1927-04-01
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Michael Müller-Claudius schaft Sie ist ein gesellschaftlich Ganzes und Gefügtes mit eigenen Ordnungen und Bedingungen, eine feste und dennoch vielfach wechselnde, überpersönliche Welt, und dieser Welt gegenüber vollzieht das Kind die erste und darum weithin in seine späteren Jahre nachhallende Entscheidung, ob es zur Einordnung oder zu selbstgenügsamem Beharren, zum Aufgehen in dieser Welt oder zum Bestimmen über diese Welt bereit ist Hier scheiden sich oft in ergreifender Schärfe die Zurückhallend-Hinnehmenden von den Tonangebend- Wagenden, die Kritikscheuen, die der Ordnung warten von den kritisch Wählenden, die Ordnungen, Gruppen und Entschlüsse jener scheinbar so kleinen und gleichförmigen Klassenwelt schaffen — unbewußt-kindlich und dennoch deutlich merkbar. Hier endlich vollziehen sich die ersten Entscheidungen der freien menschlichen Wahl zu Freundschaft und Feindschaft — und hier spielen sich im allgemeinen die ersten Begegnungen zwischen jüdischen und christlichen Kindern ab, deren eindringliche Beobachtung nach ihrem soziologischen Erlebnis- und Reaktionswert hin tiefe Einsichten in das psychologische Erwachen und die biologische Struktur der späteren Spannungsverhältnisse vermittelt Mit dem zehnten Lebensjahr tritt das Kind in jene Welt ein, über der „Sexta" steht Hier ist das Lebensalter und der Schauplatz der ersten sozialpsychischen Erlebnisse von fühlbarem Gewicht Hier nun sieht sich das jüdische Kind — oft plötzlich, überraschend, aber unausweichlich und schmerzhaft — einer Ordnung gegenüber, an der es nicht ohne weiteres und selbstverständlich teil hat, sondern der es isoliert, einsam und grell beobachtet gegenübersteht Plötzlich, in einer Pause, auf einem Schulweg, bei irgendeiner Begegnung auf der Schultreppe hört es hinter sich das Wort: „Er ist ein Jude". „Ein Jude?" „Natürlich, ein Jude. Mein Vater hat gesagt, den Juden ist alles egal". „Und meiner hat gesagt, sie machen ganz Deutschland kaputt Und man muß sich immer vorsehen, wenn ein Jude da ist". „Er ist ein Jude". Das Wort flackert durch die Klassengemeinde. Es hat einen Klang wie ein Abenteurerwort „Er ist Amerikaner", würde zunächst nicht anders durch die Klassen flackern. Der Sinn des Kindes ist stets in Bereitschaft, sich eben dem zuzuwenden, was nicht das Allgemeine ist, was irgendwie aus dem Gleichbindenden des Tages und der Gemeinschaft herausfällt Es ist bekannt, daß die Aufmerksamkeit einer Kinderklasse für •ien ganzen Vormittag beunruhigt bleibt, wenn in der ersten Stunde ein fremdes 4

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