Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Eine neue Geschichte der Juden [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 612 (sequence 2)
- Language
- German
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Hugo Bergmann: Eine neue Geschichte der Juden hen und auch in ähnlicher Weise zu illustrieren. Auf die Juden angewandt führt nun freilich diese Geschichtsbetrachtung zu sonderbaren Konsequenzen. (Das Buch, erschien gleichzeitig in einer amerikanischen Ausgabe im Verlage Macmillan, New York, deren Titel „Stranger than f iction" nach Liliens Manier mit lateinischhebräischen verschnörkelten Buchstaben geschrieben ist, und in einer englischen Ausgabe unter dem mit sehr nüchtern lesbaren Buchstaben geschriebenen Titel „The Story of the Jews" im Verlage Jonathan Cape, London. Auch die Prologe der beiden Ausgaben sind verschieden und offenbar dem Geschmack der beiden Länder angepaßt.) Daß van Loon das Judentum auf zwei Seiten abtut, ist in seiner Art konsequent. Das Judentum hat seit der Zerstörung fast keine Zivilisationsgeschichte, und bekanntlich haben schon die alten Talmudlehrer es den Römern zum Guten oder zum Schlechten nachgesagt, daß sie Brücken gebaut und Märkte eingerichtet haben. Das Judentum ist nun einmal mit solchen Werten nicht zu erfassen; man bedarf geistiger Kategorien, um seine Entwicklung zu verstehen. Hält man sich nur an die moderne Zivilisation, so kommt eine Groteske heraus. Wenn man mit solcher Brille die Mischna liest, könnte man meinen, die Tanaim seien wahnsinnig gewesen und der Talmud erscheint als Beispiel der Verdrehtheit. Natürlich zitiert der Autor zur Illustration des Talmud die Geschichte von dem am Sabbat gelegten Ei und die oft erzählte Entwicklung, wie aus dem Verbot, ein Böcklein in der Muttermilch zu kochen, die Unterscheidung von milchig und fleischig mit allen ihren rituellen Folgen resultierte. Browne hat dabei immer die Tendenzen der Apologetik, er will zeigen, daß die Gesetzesbestimmungen des Talmud nicht so lächerlich sind als sie scheinen und daß „nicht alle Talmudlehrer bigott und kleine Geister waren". Aber abgesehen davon, daß man fragen muß, ob bei einer auf 35o Seiten komprimierten Geschichte des Judentums zur Illustration des Talmud (oder zur Unterhaltung des Lesers) gerade diese Beispiele herangezogen werden müssen, ist vor allem Brownes Verteidigung selbst mißglückt. Denn sie ist darauf aufgebaut, daß die Bestimmungen des Talmud zu dem Zwecke getroffen wurden, um die Juden vor der heidnischen Flut mit einer Schutzmauer zu umgeben. Browne vergißt, daß das doch nicht der bewußte Zweck der Rabbinen gewesen sein konnte, die ja doch nicht in unsern Kategorien von Volkserhaltung, Volksuntergang und Schulz gedacht haben, sondern gläubig waren und ihre religiösen Deutungen in dem Glauben getroffen haben, daß sie damit die Intentionen der biblischen Verse wirklich erfüllen. Van Loon sagt an einer Stelle richtig, man dürfe die römische Geschichte nicht so verstehen, als hätten einmal die Römer bewußt beschlossen, ein Weltreich zu gründen. Liest man Brownes Geschichtsauffassung, so hat man den Eindruck, als hätten die jüdischen Gesetzeslehrer einmal mit Bewußtsein beschlossen, ein jüdisches Volk zu konservieren, während sie doch in Wahrheit die ihnen überkommene Lehre zu deuten und im Sinne der Ahnen zu erhalten geglaubt haben. Wie stark das Bewußtsein der Tradition war und wie sehr die Talmudlehrer glaubten, daß sie nicht Neuerer sind, lehren genugsam die ersten Worte der „Sprüche der Väter". Noch mißglückter natürlich ist der Versuch, den Talmud zu retten, indem man die Agadah nach der schöngeistigen Mode des 20. Jahrhunderts gegen die Halacha ausspielt. Nach Bialiks Aufsatz „Agadah und Halacha" sollte diese Mode eigentlich schon vergangen sein und man sollte wissen, daß die Bedeutung der Halacha für die jüdische Geschichte unvergleichlich größer war als die der Agadah und daß man dem Geiste des Talmud wenig gerecht wird, wenn man ihn durch eine Blütenlese von Aussprüchen aus den typisch gewordenen „Lichtstrahlen" illustriert. Der Gesichtspunkt: Was würde ein Mensch unserer Zeit mit Commonsense zum Talmud sagen, ist natürlich ein ganz unfruchtbarer. Diese Unfruchtbarkeit der Anwendung verfehlter moderner Kategorien auf eine ihnen vollkommen fremde Vergangenheit zeigt sich natürlich auch bei anderen Partien der jüdischen Geschichte. Die Darstellung der Blütezeit jüdischen Schaffens in Spanien wird damit eingeleitet, daß die jüdischen Weisen Spaniens „zu ihrem Lobe sei es gesagt" nicht nur „Kommentare und langstilige Interpretationen" geschrieben haben, sondern auch die Wissenschaft ihrer Zeit gelernt und poetische Werke geschrieben haben. Ob diese Verachtung der „Kommentare" einem Historiker der jüdischen Geschichte erlaubt und für seine Arbeit fruchtbar ist, dürfte man füglich bezweifeln. Daß Joseph Karo und sein Schulchan Aruch, der ..gedruckte Papst der Juden" schlecht wegkommt, ist bei der Tendenz des Buches weiler 612