Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Eine neue Geschichte der Juden [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 611 (sequence 1)
- Language
- German
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Eine neue Geschichte der Juden Von Hugo Bergmann Vor einigen Jahren erschien die „Geschichte der Menschheit" von Hendrik van Loon,ein überaus unterhaltsames Buch. Eine Geschichte der Menschheit auf &oo Seiten, für Kinder geschrieben, mit sehr geschickten, pädagogisch gut gemachten schematischen Zeichnungen. Die Weltgeschichte, welche der holländische Autor seinen jungen Lesern vermittelte (deutsch erschien das Buch im Verlag von Rudolf Mosse, Berlin), ruhte auf der Weltanschauung der modernen Zivilisation. Der Sinn der Geschichte war die Durchsetzung des homo sapiens gegen die Hindernisse der Natur und gegen die Hindernisse in seiner Seele. Die Wertung der einzelnen Epochen der Historie geschah vom Standpunkt der modernen Zivilisation, ja fast könnte man sagen, vom Standpunkt des europäischamerikanischen Komforts. Van Loon ist ein Mensch des 20. Jahrhunderts, er spricht zu einer Jugend, die im 20. Jahrhundert geboren ist und will sie lehren, die Geschichte mit den Augen dieses Jahrhunderts anzusehen. Er schreckt nicht vor einem Satz zurück wie: „In der Wohnung der Griechen fehlte es an allen Bequemlichkeiten, die für einen modernen Arheiter selbstverständlich sind." Oder er sagt von den Religionskriegen des 17. Jahrhunderts: „Protestanten und Katholiken schlugen sich gegenseitig tot zum größeren Ruhm theologischer Lehren, die dem gegenwärtigen Geschlecht ebenso unbegreiflich sind wie die geheimnisvollen Inschriften der alten Etrusker." Aus solcher Darstellung und dazu aus einer perspektivischen Verkürzung, die auch von diesen Gesichtspunkten diktiert ist, wurde dieses Buch geschaffen, das bei aller Einseitigkeit und Verzerrung doch eine ungemein lebendige und wirksame Form für den allzu reichlichen Stoff der Weltgeschichte fand. Die Entdeckungen der Naturwissenschaften erscheinen als die wichtigste Partie der neueren Geschichte, der Weltkrieg als ein Kampf um eine neue, bessere Welt gegen veraltete, anachronistisch gewordene Formen. Denn im Zeitalter der Aerc— plane haben die staatlichen Grenzen keinen Sinn. Das Buch von Loon endete so mit einer Apotheose: der heutige Staat hinkt der technischen Entwicklung, die wir schon gewonnen haben, um mehrere hundert Jahre nach, „die Welt bedarf dringend der Männer, die die neue Führung übernehmen wollen, die den Mut zu eigenen Zielen haben und offen anerkennen, daß wir erst am Beginn der Reise sind". Van Loons Buch ist, wie gesagt, sehr amüsant und in seiner Art eine große Leistung trotz aller Einseitigkeit. Begreiflicherweise, muß unter dem Gesichtswinkel der heutigen Zivilisation ein solches Phänomen wie die jüdische Geschichte vollkommen zu kurz kommen. Van Loon tut sie auf zwei Seiten ab. Da ist etwa die Gesetzgebung am Sinai mit folgenden Worten beschrieben: „Eines Tages verschwand Moses aus dem Lager der Juden. Man flüsterte sich zu, er sei mit zwei roh behauenen Steintäfelchen fortgegangen. An jenem Nachmittage war der Gipfel des Berges unsichtbar. Die trübe Witterung, die ein schrecklicher Sturm mit sich gebracht hatte, verbarg den Berg •menschlichen Augen. Als Moses aber wiederkam, siehe, da standen auf den Täfelchen die Worte, die Jehovah zum Volke Israel während des grollenden Donners und der folgenden Blitze gesprochen hatte." Ober eine solche rationalistische Auffassung der jüdischen Geschichte braucht wohl nichts weiter gesagt zu werden. Sie ist auch im Buche van Loons nur ein nebensächliches Detail. Nun aber hat ein amerikanischer Autor, Lewis Browne, es unternommen, eine Geschichte der Juden ganz im Stile van Loons zu schrei- 41 61X