Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Eine neue Geschichte der Juden [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 613 (sequence 3)
- Language
- German
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Hugo Greßmann: Ausgrabungen in Palästina nicht verwunderlich. Es dürfte auch nicht viel zur Erhellung der jüdischen Geschichte beitragen, wenn man die aus dem babylonischen Exil Zurückgekehrten Chaluzkn nennt. Durch Übertragung moderner Kategorien auf die Vergangenheit wird die Geschichte vielleicht „lebendiger" und „romantischer", aber hört auf, Geschichte zu sein. Da das Buch sich in ähnlicher Art wie das von van Loon nirgends auf Einzelheiten einläßt, ist es von der Kritik schwer zu fassen. Es will nach dem Prolog die jüdische Geschichte nicht als eine Liste von Namen und Daten sondern als ein wildes Abenteuer erzählen. Daß der Verfasser für ein solches Buch keine Quellenstudien trieb, wird man ihm nicht verübeln. Wohl aber, daß er die jüdische Geschichte des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit mit dem üblichen Abklatsch der finstem Zeit der Verfolgungen abtut. Schließlich hat die Forschung der Jahrzehnte seit Graetz doch schon nachgewiesen, daß diese Zeit der jüdischen Geschichte in ihrer inneren Entwicklung viel reicher war als das bequeme Schlagwort von der „Nacht" und dem „dunklen Zeitalter" ahnen läßt. Das Buch von Browne bringt so recht deutlich zum Bewußtsein, wie sehr die jüdische Geschichte eine Erscheinung eigener Art ist. Ausgrabungen in Palästina Von Hugo Greßmann Wer selbst dort gewesen ist, dem steht zunächst das Landschaftsbild vor Augen. Im Unterschied von der judäischen Steppenlandschaft, deren eigenartiger Zauber sich dem Herzen des Europäers nicht unmittelbar, sondern erst nach liebevoller Vertiefung erschließt, erinnert Samarien mit seinen fruchtbaren Feldern, die sich bis auf den Gipfel der Berge hinaufziehen, an eine waldlose deutsche Mittelgebirgslandschaft und erfreut darum sofort -wie etwa der Anblick Thüringens. Die Hauptstadt Samaria krönte einen Hügel, der etwa 4Ao m über dem Meeresspiegel, 100 m über die Talsohle aufragt; während sie auf der Kuppe selbst lag, erstreckt sich das heutige Dorf Sebästie unterhalb derselben auf einer schmalen Terrasse. Zu seinen Füßen dehnen sich die grünen Talmulden und sanft abfallenden Hänge mit dem üppigen Korn oder den prächtigen Blüten großer Bohnen; der Berg selbst ist mit Olivenbäumen bepflanzt, deren Ernte die des Getreides an Wichtigkeit vielleicht noch übertrifft und deren silbergraue Blätter die Lieblichkeit der Landschaft noch erhöhen. Statt der Oliven wuchsen dort einst Weinreben, wie es scheint; denn der Prophet Jesaja vergleicht einmal die weinfrohe Stadt auf der Kuppe des Hügels mit dem grünen Rebenkranz auf dem Haupt des Zechers. Dies Bild beweist, daß auch die alten Israeliten für die Schönheit der Gegend nicht unempfänglich waren; aber das war nicht die Hauptsache für sie, sondern die befestigte Lage. Es zeugt für den strategischen Blick des Königs O m r i , dessen Feldherrnkunst ja. auch die vollständige Unterwerfung der Moabiter gelang, als er um 880 v. Chr. diesen Berg kaufte, ihn befestigte und seine Reichshauptstadt von Thirza dorthin verlegte. Fortan residierten dort die Könige Nordisraels bis zum Zusammenbruch ihres Staates und errichteten dort ihre Prunkbauten, die den Zorn der Propheten hervorriefen. Ah ab, der Nachfolger Omris, baute dort einen „Elfenbeinpalast" und für seine Gemahlin Isebel, eine phönikische Prinzessin, einen Baal-Tempel um 860 v. Chr. Damals, unter Omri und Ahab, erlebte die Stadt ihre erste Blütezeit; die Erinnerung an Omri blieb noch lange wach, wie die assyrischen, Keilschriften lehren, die noch sehr viel später 41* 613