Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 609 (sequence 7)
- Language
- German
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Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften Gefühle und Anschauungen begeben. Hier stand vor Rathenau wie vor jedem von uns die Frage: Was ist das Judentum? Die Antwort war ihm bestimmt von seinen allgemeinen Anschauungen, die er mit den Worten ausspricht1): „Ich bin der Überzeugung, daß Glaube, Sprache, Geschichte und Kultur hoch über den physiologischen Dingen der Blutmischung schwebt und sie ausgleicht Ich glaube, daß die göttliche Seele in jedem menschlichen Geiste schwebt und ihn emporträgt zu einer Schicht, in der das Materielle zum Staube wird." Oder ein andermal2): „Zwischen edler und unedler Gesinnung unterscheide ich, und zwar mit Entschiedenheit. Doch nie werde ich diese Gegen'- sätzlichkeit dem Blute zuschreiben; denn dadurch würden sie unheilbar zur Vorbestimmung und zum Schicksal Ich glaube an die Kraft des guten Willens; das Unedle ist irrendes Wollen und kein Augenblick ist vor Gott zu spät, um einzulenken. Jedes Blut ist des guten Willens fähig." Aus dieser Grundüberzeugung heraus hielt er alle Rassentheorien für Zeitspielerei und Modesache, für „Zeitmeinungen des Überlegeneri und halbgebildeten Spießbürgers".3) Sehr kritisch formuliert er einmal in einem Brief an Wilhelm Schwaner seine Argumente gegen die Rassenlehren.4) Unter den neuzeitlichen europäischen Bevölkerungen fänden sich kaum rioch Rassenunterschiede. Die Unterschiede der Schichten seien heute größer als die der Stämme. Entscheidend sei aber das Geistige, und da habe die Schöpfung es mit überwältigender Deutlichkeit ausgesprochen, daß das Blut nichts bedeute und daß aller menschliche Geist in seinen Höhen der gleiche sei. Wenn manu aber schon einmal Judentum und Deutschtum einander gegenüber stellen wolle, dann ergäbe sich, daß keine Stammeseinheit so entscheidend auf den Geist der Menschheit gewirkt habe, als die jüdische. Sie hat der Welt Moses, Jesaja, Christus, Johannes, Paulus, — Spinoza — Marx geschenkt, alles Männer, die Wendepunkte in der geistigen Menschheitsgeschichte bedeuten. Wie töricht sei da dii antisemitische Behauptung: Die Juden seien des schöpferischen Gedankens nicht fähig. Augen-, Haut- und Haarfarbe bedeuten nichts; sonst kämen die Blonden sehr schlecht weg. i) Briefe Nr. 191. — 2) Briefe Nr. 192 siehe auch 393. — 3) Briefe Nr. 303. — *) Briefe Nr. 516- 609