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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 608

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
Date
1927-02-01
Page
608 (sequence 6)
Language
German
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Ernst Jacob erkennen lassen- Der christlichen Scholastik entspricht die talmudische Arbeit, der Periode der Religionsstreitigkeiten entsprechen die späteren Rabbiner-Entscheidungen und Distinktionen." *) Allerdings ist es historisch nicht richtig, wenn er weiter ausführt: „In der Zeit der Inquisitionen konnten sich Gebräuche nach Art der Bannflüche in einzelnen Gemeinden entwickeln." Aber wieder richtig gesehen: „Diese sind aber ebenso wenig identisch mit dem inneren Wesen des Judentums wie etwa die Autodafes und Hexenprozesse mit dem Wesen des Katholizismus oder Protestantismus. Das Wesentliche des dogmenlosen Glaubens ist, daß auf der einen Seite Kirchengemeinden die Möglichkeit haben, ihre Kulturgebräuche mit einer gewissen Freiheit oder Unfreiheit auszubilden, daß aber auf der anderen Seite niemand die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft verliert, der sich auf anderen Standpunkt stellt Eine Zentralstelle für Glaubensentscheidungen gibt es nicht, es kann nur Autorität gegen Autorität gestellt werden, und jedem ist frei, derjenigen Autorität zu folgen, die ihm zusagt, oder seiner eigenen---- Unter diesen Voraussetzungen scheint es mir ein Vorgang höchster Divination zu sein, daß das Glaubensbekenntnis jede anthropomorphisierende Ausgestaltung des Begriffes vermeidet: Es ist nichts von Güte, von Gerechtigkeit, von Wissen, von Macht und von Unendlichkeit gesagt und lediglich der metaphysische Begriff der Einheit aufgestellt Ich glaube, daß es keine Formel gibt, die weniger anthropomorphe Anhalte bietet, als diese." 2) Ebenso klar ist die Stellung des Juden der Gegenwart gezeichnet3): „Der heutige kultivierte Jude ist meines Erachtens weniger als irgend ein anderer, zeitgenössischer Kulturträger vom Dogmatisch-Religiösen abhängig. Er betrachtet seinen Väterglauben — vielleicht mit Unrecht — als einen abgeklärten Deismus im Sinne der Philosophen des 18. Jahrhunderts, ist im mythologischen, historischen, exegetischen, dogmatischen, ja selbst im rituellen Bereiche der alten National-Religion wenig bewandert und tritt in der Regel nur anläßlich der sakramentalen Handlungen des Lebens in Berührung mit der Religionsgemeinschaft" Dies ist eine gewiß schonungslose, aber objektive Schilderung vieler deutscher Juden unserer Zeit Soviel läßt sich ungefähr über Rathenaus Kenntnisse und Erkenntnisse des Judentums ermitteln. Reicher ist die Ernte, wenn wir uns aus dem Gebiete des Objektiven in das des Subjektiven, der Meinungen, i) Briefe Nr. 279. — *) Briefe Nr. 279. — 3) I, S. 185 Kritik der Zeit. 608

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