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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 607

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
Date
1927-02-01
Page
607 (sequence 5)
Language
German
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Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften Vater, Emil Rathenau, besaß, wie er schreibt1), „Kraft, aber ohne Verschlagenheit, ohne Routine, ohne Geschicklichkeit, so etwa wie es bei den Erzvätern, bei Abraham, gewesen sein mag". Oder von den Ereignissen des Kriegsjahres 1917 sagt er2): „Das sind pharaonische Plagen, die einen harten Sinn sollten erweichen können." Er führt auch ab und zu talmudische Aussprüche an3): „Das Judentm schuf den schönen Glauben: Ganz Israel ist für jede Seele verantwortlich und jede Seele ist verantwortlich für ganz Israel." Fälschlich allerdings schreibt er das schöne, vom Propheten Jeremia geprägte4) Bild von Rahel, die über ihre Kinder weint, einer talmudischen Sage zu.5) Er hat einmal talmudische Geschichten zusammengestellt und herausgegeben.6) Er hält für die beste Art, Sprachen zu lernen7), „die talmudische und scholastische der Interlinearübersetzung nicht obgleich, sondern weil sie unsystematisch ist". Jehuda Halevi kannte er aus Übersetzungen. Er hält ihn für eine hohe dichterische Begabung, aber für orientalisch, dem Deutschen nicht verwandt8), ja sogar die synagogale Musik ist ihm nicht fremd. Er hat sie an Hand der Aufzeichnungen von Deutsch studiert und schätzt sie hoch, aber sie sei nur homophone Melodik und nicht vergleichbar mit kontrapunktischer deutscher Instrumental- und Chormusik.9) Ab und zu liebt er es, seinem Gruß eine jüdische Wendung zu geben. „So sollen Sie eingezeichnet sein in das Buch des Lebens." 10) Er grüßt mit dem Friedenswunsch aus dem Priestersegen.11) Mit diesem Segenswunsch beschließt er die Gedenkrede am Grabe seines Vaters. Man kann also wohl sagen, daß er im ganzen genommen über gute Kenntnisse des Judentums verfügte, ja über weit bessere, als wir sie heute bei deutschen Juden seiner Herkunft und Erziehung zu finden gewohnt sind. Seine Bibelkenntnis und -belesenheit war sogar ungewöhnlich groß. Freilich das mütterliche Urteil in dem oben zitierten Brief an den Verfasser ist übertrieben: „Bibel, Talmud und andere Schriften kannte er wie ein Rabbiner." Von diesen Kenntnissen aus kam Walter Rathenau zu oft wertvollen stets aber originellen Einsichten in jüdische Geschichte und Gegenwart Er machte die interessante Entdeckung: „Wie in der freien Kirchentwicklung des Judentums sich Parallelismen zu der gleichzeitigen Entwicklung der christlichen Universalkirche i) Briefe Nr. 584. — *) Briefe Nr. 324; vgl. auch Nr. 302; 377; 474. — s) Briefe Nr..263. — *) Jer. 31, 15. — «) Briefe Nr. 480. — «) IV, S. 351. — *) Briefe Nr. 262.— 8) Briefe Nr. 76. — ») Briefe Nr. 76. — N>) Briefe Nr. 677. — «) Briefe Nr. 355. 607

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