Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 606 (sequence 4)
- Language
- German
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Ernst Jacob Außenminister hat er versucht, die Lage Deutschlands allmählich wieder zu bessern. Dabei kämpfte er vor allem auch gegen die Lüge von Deutschlands alleiniger Schuld am Weltkriege an. In diesem Kampf für Deutschlands Freiheit und Ehre traf ihn die Kugel des Mörders und raubte Deutschland einen Mann, über dessen staatsmännisches Geschick und dessen politische Erfolge vielleicht erst spätere Zeiten zu urteilen vermögen. Walter Rathenau als Jude. Der deutsche Walter Rathenau ist von jüdischen Eltern geboren worden. Was wußte er vom Judentum? Seine Mutter, Mathilde Rathenau, geborene Nachmann, schreibt in einem Briefe an den Verfasser dieses Aufsatzes: „In Beantwortung Ihrer freundlichen Zeilen teile ich Ihnen folgendes mit; Mein Sohn hatte keinen jüdischen Religionsunterricht, wohl aber nahm er im Wilhelms^ gvmnasium an dem Unterricht im Hebräischen teil und sein Lehrer Weinbaum betrachtete ihn als seinen vorzüglichsten Schüler, auf den er sehr stolz war. Auch später beschäftigte er sich noch mit dem Studium des Hebräischen, besonders mit der Grammatik. Er hielt nichts von Dogmen und Vorschriften, um so mehr aber von dem Geist des Judentums und hatte nicht nur jüdischen Verstand, sondern ein wahres jüdisches Herz. Dies bewies er besonders, indem er unzähligen Menschen im Stillen half, sondern indem er auch sie aufsuchte und der Not zuvorkam. Er sorgte unentwegt für geistige und werktätige Arbeiter. Bibel, Talmud und andere jüdische Schriften kannte er wie ein Rabbiner und das Neue Testament wie ein Prediger. Der Person Christi galt seine größte Bewunderung und seine leidenschaftliche Liebe. Niemals aber hätte er sich taufen lassen. Das Protzentum und den übertriebenen Luxus besonders auch unter den Juden hat er in seinen Schriften aufs schärfste bekämpft und sich deshalb gerade unter Juden viel Feinde gemacht. Ich habe Briefe meines Sohnes gesammelt und herausgegeben, um die Kenntnis seiner Persönlichkeit und seines Charakters im richtigen Lichte zu zeigen. Diese Briefe haben ein ungeheueres Aufsehen gemacht und mir unzählige Dankschriften gebracht. Ich werde mir erlauben, Ihnen ein Exemplar zugehen zu lassen. Daß Ihre Anfrage aus dem Saargebiet kommt, hat mich besonders sympathisch berührt, da er in seiner letzten Reichstagsrede so warm über die treuen Bewohner des Saargebieles gesprochen hat und diese ihm zum Dank einen Kranz für seine Ruhestätte gesandt hatten. (Schloß) Freienwalde, 20. Juli 1926. Mit besonderer Hochachtung Mathilde Rathen au." Von diesen seinen Studien finden wir in seinen Briefen und Schriften viele Spuren. Sehr häufig sind biblische Zitate1), einmal sogar in hebräischer Sprache2), und Vergleiche mit biblischen Personen oder Situationen. Sein i) Briefe Nr. 302; 497. — *) Briefe Nr. 691; Gen. 1, 2. 606