Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 604 (sequence 2)
- Language
- German
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Ernst Jacob Walter Raihenau als Deutscher. „Ich fühle deutsch and werde mich nie von meinem deutschen Volke trennen."*) Dieses Bekenntnis hat Walter Rathenau in vielen Äußerungen wiederholt und durch sein Leben und Sterben bekräftigt Er erblickte in seinem Judentum kein dem Deutschtum fremdes Element Er schreibt an einen Freund 2): „Die Juden sind für mich ein deutscher Stamm wie Sachsen, Bayern oder Wenden. Du lächelst, denn Du kennst ja alle Rassenlehren. Diese Wissenschaft ist mir aber ganz gleichgültig. Die Wissenschaft sagt heute dies und morgen das; in Gefühl und Idee, in Ideal und Transzendenz hat sie nicht hineinzureden. Ich frage nicht, ob die Juden Hethiter oder die Sachsen Mongoloiden sind; ich frage nicht, ob Christus, Goethe und Beethoven blond waren; für mich entscheidet über die Zugehörigkeit zu Volk und Nation nichts anderes als Herz, Geist, Gesinnung und Seele. In diesem Empfinden stelle ich die Juden etwa zwischen die Sachsen und Schwaben; sie sind mir weniger nahe als Märker und Holsteiner, sie sind mir näher als Schlesier oder Lothringer. Ich rede naturlich nur von deutschen Juden; östliche Juden gelten mir wie jedem anderen Deutschen als Russen, Polen oder Galizier; Westjuden als Spanier und Franzosen. Antisemitismus und Partikularismus sind für mich so ziemlich das Gleiche; wenn ich mich genau frage, so ist es mir, glaube ich, unangenehmer, wenn ein Bayer über Preußen als wenn er über Juden herzieht" — Rathenaus Judentum war für ihn eine Nuance seines Deutschtums: „Wir sind nichts anderes als Glieder einer Nation, wir sind Deutsche. Doch auf uns lasten zwei Jahrtausende des Schmerzes und wenige von uns können je von ganzem Herzen heiter sein. Willst Du damit die Sorge um mein deutsches Vaterland mildern, daß Du mir die Schmerzen meiner Väter vor Augen hältst?" 3) Diese Zugehörigkeit zum deutschen Volke ist unabänderlich: „Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches, keinen anderen Stamm, kein anderes Volk als deutsches. Vertreibt man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch und es ändert sich nichts. Du sprichst von meinem Blut und Stamm, selbst einmal von meinem Volk und meinst die Juden. Mit ihnen verbindet mich das, was jeden Deutschen mit ihnen verbindet, die Bibel, die Eri) Briefe Nr. 415 vgl. Nr. 731. — *) Briefe Nr. 208. — s) Briefe Nr. 480. 604