Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Der Jude in der Musik
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 597 (sequence 8)
- Language
- German
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Der Jude in der Musik Eine ganz andre Stellung zum Jüdischen als die deutsche Passion nimmt das italienische oder italianisierende Oratorium ein. Der jüdische Heros, von Abraham bis auf Salomo oder Jephta, bis auf die geschichtliche Zeit des Alten Testaments, das jüdische Volk — es ist ja der ideale Held des Oratoriums, mit dem man sich identifiziert, es wird so „klassisch" behandelt wie etwa der Grieche oder Römer in der gleichzeitigen Opernproduktion. Und so wird man denn im Oratorium des 17. Jahrhunderts, etwa bei Carissimi, der sich sonst auf das plastische Herausarbeiten von typischen Charakteren verstand, den Juden nur im neutralen klassischen Faltenwurf finden: vollends für Händel ist jede Gestalt des Alten Testaments, das jüdische Volk als Ganzes Sinnbild des Helden, des Volkes überhaupt, und obwohl er in mehreren seiner großen Oratorien, etwa im Belsazar, in Israel in Ägypten eine grandiose Ethnographie pflegt, so sin<d seine Mittel doch nicht exotisierend, sie haften nicht am Empirischen, sie dringen ins Intelligible, etwa bei den Babyloniern des Belsazar, deren Chöre leere, wilde, lärmende Themen als melodische Bausteine verwenden. Das 19. Jahrhundert bleibt im Oratorium „neutral"; mit wenig Ausnahmen, etwa Anton Rubinsteins „Turmbau in Babel", in dem eine primitive ethnographische Schau von Semiten, Hamiten, Japhetiden vorkommt; erst die neueste Zeit hat hier den Juden wieder mit geschichtlichem Sinn gefaßt — das deutlichste Beispiel der jetzt so viel aufgeführte „König David" von Arthur Honegger, dem französierten jungen Schweizer Musiker. König David und sein Volk — sie sind, wenn nicht als Juden, so doch aufs bestimmteste als Orientalen charakterisiert: das ist der junge Hirt, der am Jordan seine Schafe weidet, das sind orientalische Weiber, die den Sieger mit orgiastischen Klängen feiern oder ein; lugubres Bußlied heulen — es ist ein historisches, völkerkundliches Kostüm, in das Honegger seine Juden gesteckt hat In der heroischen, pastoralen Oper des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es keine Juden. Sie können erst mit den realistischen Operngattungeh der italienischen Opera buffa, der französischen Opera comique, aus der sich das; deutsche Singspiel entwickelt, kommen, und kommen auch da merkwürdig spät So mannigfache, profilierte Figuren und Gestalten in dieser dramatischen Produktion auftauchen — ich finde den Juden erst in einer Opera buffa von Rossini, der „Diebischen Elster" (La gazza ladra, 181.7, ein Jahr nach dem Barbier von Sevilla komponiert), und zwar als Episodenrolle. Aber was für eine Episodenrolle! Es ist der jüdische Hausierer Isaak, an den die arme unschuldige Heldin ein Besteck verkauft und dadurch in den Verdacht des Diebstahls 40* 597