Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Der Jude in der Musik
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 596 (sequence 7)
- Language
- German
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Alfred Einstein Nach Schütz kommt für unser Thema erst wieder Johann Sebastian Bach mit seinen beiden uns erhaltenen Passionen in Betracht: die Matthäus-Passionen der Johann Sebastiani (1672) und Johann Theile (1673), so verschieden sie sind, so sehr die Turbae des Naumburger Kapellmeisters Theile an Ausführlichkeit den primitiven Äußerungen des Brandenburger Kapellmeisters Sebastiani überlegen sind, sie reichen dennoch ebenfalls nicht einmal an die Grenze einer wirklichen und beachtlichen Charakteristik- Bei Bach aber kommt es wieder zu einer imheimlichen, schonungslosen Realistik, und zwar äußert diese Realistik sich in jeder der beiden Passionen in verschiedener Form — es ist längst beobachtet worden, daß in der Matthäus-Passion alle Turbae von einer Kürze, Prägnanz, Schlagkraft sind, die in dem brüllenden Aufschrei des „Barrabam" auf einen verminderten Septakkord ihren konzentriertesten Ausdruck findet, ihren unüberbietbaren Gipfel erreicht, während in der JohannesrPassion die Psychologie der Masse diskursiver, analytischer sich ausbreitet Es ist nun wieder äußerst gefährlich, bei Bach eine bestimmte, „rassenpsychologische" Absicht nachweisen zu wollen, so sicher es ist, daß er genau wie Schütz nicht bloß „Volk an sich" vor seiner Phantasie gesehen hat, sondern den jüdischen Judas, jüdische Hohenpriester, jüdische Masse; daß jene erwähnte erschreckende Realistik sicher einen anderen Vortrag verlangt als den typisch „oratorischen", den man bei Aufführungen der Bachschen Passionen so oft erlebt Aber will man nichts aus- und nichts hinein- und unterlegen, so läßt sich vorsichtigerweise nichts andres sagen, als daß manche der rezitativischen Formungen, manche der Turbae jenen spezifischen Ausdruck nicht ausschließen, ja vielleicht hervorlocken; so in der Matthäus-Passion vielleicht gleich in der ersten Turba „Ja nicht auf das Fest", in der der Chor der Hohenpriester erst in gemessenen, respondierenden Wendungen sich äußert, dann aber sich aufgeregter, hastiger überkollert, um allerdings in einmütiger, fast abgehackter Schärfe zu schließen; oder in der Rede des Hohenpriesters „Er hat Gott gelästert", in der die rasche Erledigung des Wortes „Gotteslästerung" verdächtig ist Aber alles was Bach Judas sprechen läßt, deutet auf eine allgemeinere und tiefere, rein menschliche Charakteristik, und vollends die „musikalisch reicheren" Turbao der Johannes-Passion tragen, trotz ihrer Chromatik und Melismatik („Wäre dieser nicht ein Übeltäter", „Wir dürfen niemand töten") den Stempel einer höheren, gleichsam objektiven Symbolik („Weg, weg mit dem — Kreuzige ihn") — Bach ist zu groß, um zu einer Art von Gehässigkeitscharakteristik herunterzusteigen. 596