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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 587

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Mensch in Not?
Date
1927-02-01
Page
587 (sequence 8)
Language
German
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Mensch ha Not mit tiefstem Takt geleitet wird Dazu ist Milde und Ansporn, Verhüllen und Aufdecken, Stützen und Geben nötig in einem Rhythmus, der nur angedeutet und gefühlt, aber nicht im einzelnen beschrieben werden kann. Und es muß auch darauf Rücksicht genommen werden, daß bei so viel innerer und äußerer Reibung auch sehr viel innere Kraft verbraucht wird. Das Handeln eines Menschen in solcher Situation, und zwar gerade auch die Handlung, durch welche er eine Hilfe in Anspruch nimmt, ist immer eine Art von Krampf. Eine Verkrampflheit, die sich in allen Bewegungen ausdrückt Daran denke der Fürsorger und lasse sich auch die geringsten Anzeichen nicht entgehen; denn solche Situationen sind, wie schon oben für die Arbeitslosigkeit dargetan wurde, explosiv. Die Explosion kann nach den verschiedensten Richtungen erfolgen. Wir kennen alle den Bittsteller, der in echten Tränen zusammenbricht, wie den anderen, der in Verwünschungen und Drohungen ausbricht Bedenken wir immer dabei, daß der Charakter eines Menschen in Not in jeder Beziehung unter seinem Niveau ist, wie in seinem Ausdrucksgeschehen, so in dessen Beherrschung, in der Übersicht seiner Lage und seiner Hilfsquellen, in seinen Motiven und Hemmungen. Das Problem der Menschenkenntnis verändert sich für den Fürsorger zur Kenntnis des Menschen in Not Charakteristisch für die Veränderung der Motivation in der Not ist die typische Notloriminalität Es war schon oben davon die Rede, daß das Strafgesetz, ohne die Psychologie der Not im einzelnen zu kennzeichnen, doch eine solche Wirkung anerkennt, indem sie sie als mildernden Umstand berücksichtigt Nicht genügend berücksichtigt ist aber die in einer Zeit chronischer Arbeitslosigkeit besonders wichtige psychologische Auswirkung des chronischen Notzustandes. Daher wird — siehe oben — die Privilegierung des Handelns aus Not (nicht in Not) — in seiner Bedeutung verkannt Gerade bei solcher chronischen Not kommt es gar nicht selten in besonders ausgeprägter Weise zu einer Herabsetzung des gesamten Niveaus. Das strafbare Handeln in solchen Fällen steht dann mit der durch lange Jahre gefestigten Persönlichkeit in einem scheinbar unbegreiflichen Widerspruch. Ein ehrenfester Mann begeht eine Handlung, die an Straßenraub grenzt Das kommt so zustande: Monatelang hat er nur den einen Gedanken im Kopf: Wo kriegst du das Geld für die Miete her? Dieser Gedanke verläßt ihn nicht mehr, bei Tag und bei Nacht Dann kommt das Stadium der stereotiypen Formeln, 587

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