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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 588

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Mensch in Not?
Date
1927-02-01
Page
588 (sequence 9)
Language
German
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W. Eliasberg das wir schon oben besprachen. „Mir kann nichts mehr helfen." Und dann kommt es bei irgend einer Gelegenheit, ganz deutlich ohne Überlegung, zur Explosion in der kriminellen Handlung. Während er so vor sich hinstarrt, taucht plötzlich in seinem Gesichtskreis eine Dame mit einer Handlasche auf. Der Gedanke durchzuckt ihn: „Wenn du die hättest, könntest du deine Miete bezahlen." Es wird sofort diesem gefaßten Vorsatz gemäß gehandelt, am hellichten Tage, inmitten zahlreicher Passanten- Als die Dame aufschreit, kommt ihm zum Bewußtsein: „Was hast du getan?" Er wirft die Tasche weg; gar kein Versuch die Beute zu bergen; er läuft davon, aus einer Art von primitivem Fluchtinstinkt heraus. Diese ganze Folge, die Explosion, die Ernüchterung, die Flucht, das in allen seinen Phasen primitive Verhalten bei einer auf Grund genauer Kenntnis des Lebenslaufs als hochstehend zu bezeichnenden Persönlichkeit, ist geradezu paradigmatisch für chronische Wirkung der Not Es ist hier noch anzumerken, daß nach den Erfahrungen dieser Jahre die aushöhlende Wirkung der Not so typisch ist, daß weder Alter, noch Bildungsgrad, noch Standeszugehörigkeit da einen wesentlichen Unterschied bewirken. In der traditionellen jüdischen Wohlfahrtspflege und ihrem Schrifttum — das ist für jüdische Fürsorge von Wichtigkeit — findet sich nicht der Preis der Armut Nirgends sind Not, Armut, Entbehrung selig gesprochen. Das hängt nicht nur damit zusammen, daß der Bibel eine Metaphysik des Jenseits fehlt, sondern vor allem mit einem Realismus in den Grundlagen der jüdischen Religion, der die ideale Forderung nie anders als aus der Wirklichkeit erwächst Dieser Realismus ist es sicherlich gewesen, der die Psychologie des Menschen in Not erkannte. Von daher zweierlei Wirkungen: Keinerlei Glorifizierung der Armut und das ernsthafte Bestreben einer umfassenden und durchaus nicht privaten Antrieben überlassenen Fürsorge. Es ist der gleiche Realismus, der sich in Schillers Worten ausdrückt: Wenn der Mensch satt zu essen hat und warm sitzt, dann hat er noch sehr wenig, aber wenn der Mensch nicht satt zu essen hat und nicht warm sitzt, dann kann das Höhere in seiner Brust sich nicht regen. Diese Art von Realismus scheint uns im guten Sinne des Wortes ideal zu sein. 588

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