Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Mensch in Not?
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 586 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Eliasberg gefahr steigern, ist bekannt So hängt das Zustandsbild der turbulenten Masse mit dem des gehemmten einzelnen Arbeitslosen zusammen. (Näheres Eliasberg, Richtungen der Arbeitswissenschaft, Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Band 102, Heft 1/2.) Ein Tagebuch der Arbeitslosigkeit eines jungen Angestellten, das demnächst von ihm in Gemeinschaft mit mir veröffentlicht werden wird (Arbeitslosigkeit, eine Selbstschilderung von Franz Graf, Büroangestellter, und Dr. Eliasberg, Nervenarzt, München), schildert diesen Zustand in plastischer Weise. Vor allem auch, wie schon vor der letzten Gewißheit die monatelang drohende Gefahr des Abbaus die Menschen lähmt, wie sie daran würgen, wie an einem vergifteten Bissen; wie sie in der Arbeit sich willenlos dem Unglück entgegentreiben fühlen und wie dann zuletzt nach aller Angst, Erwartung, Funken von Hoffnung, die graue Wüste des Winters ohne Existenz, sich vor dem Blicke dehnt Die Herabsetzung der Motivation, die wir für den Fall des Sich-Beugens eben ausführlich besprochen haben, zu verfolgen, ist aber noch leichter im zweiten Falle, wenn die Hilfe fremder Menschen und Organisationen in Anspruch genommen werden. Hilfe suchen beginnt mit dem ersten Schritt der Offenbarung des Notstandes. Solche Offenbarung wird von allen, die nicht routiniert sind, ganz ähnlich empfunden, wie die Ablegung eines Geständnisses. Wie das Geständnis, so ist die Offenbarung eine Mitteilung gegen stärksten inneren Widerstand. Durchaus nicht das Schlechteste in der Persönlichkeit sträubt sich dagegen. Und wie beim Geständnis in der Straf Untersuchung, kommt auch nach der Offenbarung des Notstandes durchaus nicht immer jene Erleichterung und innere Kraftsteigerung, die der Beichte inne wohnt Denn wer gesteht oder Not offenbart, tut es immer mit dem Gefühl, daß ihm doch Menschen gegenüberstehen, die vielleicht nur durch günstigere Verhältnisse vor gleicher Not bewahrt wurden; und daß an seinem Notstand Unvollkommenheit menschlicher Einrichtungen jedenfalls beteiligt ist — Vor dem Göttlichen sich zu beugen, erhebt. Aber seine Not offenbaren, das ist einer der gefährlichsten Augenblicke. Daß es dabei nicht zu völliger Verhärtung, zu völligem Zerbrechen kommt, dazu bedarf es schon sehr viel in der Persönlichkeit dessen, der das Geständnis entgegennimmt Man mache es sich nicht leicht, indem man sagt, schon die Aussprache bringt Erleichterung. Sie kann Erleichterung bringen, aber nur, wenn sie 586