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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 585

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Mensch in Not?
Date
1927-02-01
Page
585 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Mensch in Not aber durchschnittlich schon eine Weiterbildung in verschiedenen Richtungen erfahren. 1. Juristisch dadurch, daß an die Stelle der individuellen Vertragsbestimmungen der Kollektivvertrag, der Tarif getreten ist (worauf hier nicht eingegangen wird). 2. Dadurch, daß fiberall Vertrauensverhältnisse in entscheidendem Maße die wirtschaftliche Leistung bestimmen. Beim Vertrauensverhältnis handelt es sich um freiwillige Hingabe, um freiwillige Mehrleistung, die weder entgolten, noch durch irgendeine Dienstanweisung oder dergleichen erzwungen werden könnte. Daß das Letztere unmöglich ist, ergibt sich daraus, daß man gelegentlich Eisenbahnerstreiks zuwege gebracht hat, indem man die Dienstanweisung wörtlich ausführte. Das Vertrauensverhältnis ist auf diese Weise eine der wichtigsten Motivationsformen überhaupt und man kann sagen, daß kein Brief richtig bestellt und kein Eisenbahnzug ankommen würde ohne solche, über das Rationale hinausgehende, freiwillige Mehrleistung, die wahre Ursache allen „Mehrwerts". Wir wollen uns zu den höheren Stufen der Motivation, etwa der Hingabe, der Ekstase kurz fassen, denn uns interessiert in diesem Zusammenhang, daß die Not den Menschen in der Stufenleiter der Motivationen, jener untersten, des schlaff getragenen Zwangs immer mehr annähert . In unserer Zeit allgemeiner Arbeitslosigkeit haben wir genügend Gelegenheit gehabt, das aus der Nähe zu betrachten. Zwei Reinen von Symptomen ließen sich da beobachten: 1. In der Sprechstunde sieht der Arzt den einzelnen Arbeitslosen. Da ist er scheu, gedrückt, willenlos, mutlos, verzweifelt Die nächstliegenden Möglichkeiten sieht er nicht Er ist ängstlich gehemmt, erregt und gleichzeitig völlig leer; es fällt ihm nichts mehr ein. Mit einer Art von autosuggestiver Befestigung im Unglück wiederholt er stereotyp: „Mir kann nichts mehr helfen, ich bin verloren." Das bezieht sich bald mehr auf die Existenzbedrohung, bald mehr auf isolierte Angstsymptome, wie eingenommener Kopf, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Organsensationen aller Art 2. Die andere Symptomreihe ist scheinbar davon ganz verschieden. Hier tritt der bekannte Radikalismus der arbeitslosen Massen, die Neigung zur Brutalität, zu Explosionen aller Art in den Vordergrund. Der Widerspruch ist nur scheinbar. Die Angstzustände führen auch beim Einzelnen zur Explosion; und - daß bestimmte Situationen, nämlich die der Masse, die Explosions- 585

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