Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Mensch in Not?
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 583 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mensch in Not Es ergibt sich auch aas dem amtlichen Entwurf zum Reichsstrafgesetz 1925, daß der Gesetzgeber das Wesentliche der Notlage und des Grundes ihrer strafrechtlichen Privilegierung darin sieht, daß in einer Notlage dem Täter psychologisch rechtmäßiges Handeln nicht zugemutet werden könne Wir sind auf diese rechtliche Auffassung der Not so ausführlich eingegangen, weil wir hernach zu fragen haben, ob die Psychologie der Not sich mit diesen begrifflich scharf gefaßten Definitionen deckt Als Psychologen definieren wir nicht die Not, sondern wir fragen: Wie verhält sich, wie handelt ein Mensch in Not? Und nebenbei bemerkt, dies ist nicht nur psychologisch der Angelpunkt, sondern überhaupt das wichtigste Problem einer Psychologie der Not Zweierlei ist möglich. Entweder der Mensch beugt sich dem Druck, oder er versucht Hilfe in Anspruch zu nehmen. Verweilen wir bei dem ersten FalL Dieses Sichbeugen ist in keiner Weise zu vergleichen mit dem innerlichen, freiwilligen Aufsichnehmen. In der Not ist im allgemeinen nichts von innerlich bejahter Notwendigkeit, die den Menschen gerade an seinem Müssen und Sollen; wachsen läßt Mit dem Geschick in hoher Einigkeit Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut Mit freundlich dargebotnem Busen Vom sanften Bogen der Notwendigkeit" Not hat nichts damit gemein. Der gebeugte Mensch, so sollte man eigentlich sagen, und nicht der sich Beugende. Der gebeugte Mensch hat an Niveau verloren. Ein neuer Gleichgewichtszustand ist vielleicht wieder hergestellt, aber auf einem tieferen Niveau. Man kann das in verschiedenen Terminologien ausdrücken. Nationalökonomisch würde man sagen: Man setzt seine Bedürfnisse derart herab, daß nur noch die unmittelbar zur Fristung des Daseins notwendigen Bedürfnisse und Befriedigungen in den Gesichtskreis treten. Wenn es richtig ist, was die Dichter unsrer menschlichsten Zeit, Goethe, Schiller, Lessing, übereinstimmend sagen, daß Kern, Wesen, Wollen, Niveau, Charakter eines Menschen in seinem Handeln nicht nur sich ausdrücken, sondern geradezu mit seinem Handeln identisch sind, dann darf man wohl sagen: Mensch in Not sein heißt, nicht nur sich in einem äußeren Notstand befinden, sondern gleichzeitig im tiefsten Kern betroffen sein, weil man nicht mehr 583