Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Mensch in Not?
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 582 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895466-2897487--01605-2897581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
W. Eliasberg Therapie. Während er unter den Ursachen psychische und physische Defekte der verschiedensten Art anführt, während er eine schicksalhafte Verarmung (die Armut kommt also nicht von der poverte!, sondern sehr häufig von Verarmung) aus den verschiedensten Gründen, durch Alter, Krankheit usw. anerkennt, ist einer der Grundsätze seiner Therapie neben vielem Richtigen, daß es ein großer Schaden wäre, das Almosengeben über das menschlich dringend Gebotene hinaus zu treiben, also der Grundsatz der Beschränkung. Wenn man darüber einmal Klarheit gewinnen will, wenn man die inneren Widersprüche solcher „Grundsätze" überwinden will, dann ist es notwendig, sich grundsätzlich die Frage nach der Psychologie der Not zu stellen. Was heißt in Not sein? Welche seelischen Folgen hat es, in Not zu sein? Um diese Frage zu beantworten, darf man sich nicht zu eng an die wirtschaftliche Not halten; wir sprechen ja auch von Gewissens-, Glaubens- und Liebesnot, von nationaler Not, von Notstand und Notwehr und finden in all diesen Zusammenstellungen etwas Gemeinsames. Zunächst einmal: der äußere Notstand, sozusagen das Materielle der Not, ist keineswegs bei all diesen Notständen im Vordergrund. Wenn ein Schiff in Seenot ist, dann entsteht eine Panik unter der Besatzung. Die bewährte Zucht, die in den Zeiten der Gefahrlosigkeit ausreichte, um jeden Einzelnen heil in den Hafen zu bringen, wird geopfert Jeder Einzelne, für sich und gegen alle anderen, glaubt nun, gegen die andrängende Gefahr, es besser bestehen zu können, als in planvoller Zusammenarbeit mit den anderen. Und wenn der Sturm vorbei ist, dann braucht es noch immer eine Zeit, ehe die Ordnung wieder hergestellt ist — Das ist ein Schiff in Not Es ist also dies, daß die äußere Not auch zu einer Erniedrigung des Niveaus im Innern führt Es ist, als ob der Notstand gewissermaßen Verräter und Überläufer im Innern schafft. Der psychologische Ausgangspunkt aber all diesen Aufruhrs im Innern als Antwort auf den äußeren Notstand, ist das Erlebnis der Hilflosigkeit — Ein Mensch ist in Not, wenn er einer Lage aus eigener Kraft nicht mehr Herr werden zu können glaubt Dieses subjektive Moment erkennt auch das Slrafrecht an, da wo es die Entwendung aus Not privilegiert S 248a RStGB. Es kommt nicht darauf an, ob der Täter wirklich in Not war, auch eingebüdelo Not genügt (Leipziger Komm, zum RStGB., Berlin und Leipzig 1920, S. 660): „Dagegen handelt nicht aus Not, wer seine Notlage nicht als solche empfindet. Es genügt nicht, daß der Täter in Not war. Die Not muß auch den Antrieb gebildet haben, er muß aas Not gehandelt haben." Darauf werden wir bald zurückkommen. 582