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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 581

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Mensch in Not?
Date
1927-02-01
Page
581 (sequence 2)
Language
German
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W. Eliasberg: Mensch in Not Biologie selbst die Lehre, daß die Selektion, die Höherentwicklung, auf Kampf, Not und Entbehrung beruhe, immer mehr zusammen. Immer mehr erkennt man auch in der Biologie diese Faktoren als bloße Schädigungen; und man verwahrt sich erst recht gegen die Übertragung auf das menschliche Dasein. (Vgl. Erich Becher, Der Darwinismus und die soziale Ethik, Leipzig 1909, und Oskar Hertwig, Zur Abwehr des ethischen, sozialen und des politischen Darwinismus. Jena 1918.) Peter Krapotkin hat in seinem berühmten Buch über die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt eine Reihe von „natürlichen Verfahren" zusammengestellt, wie in der Tierwelt mit großem Erfolg der Kampf um die Nahrungsenge vermieden wird, etwa der Winterschlaf, das Sammeln von Vorräten, die Züchtung von Nahrung, die Auswanderung, der Übergang zu einer neuen Art von Nahrung und anderes. Vor allem zeigt sich, daß diese Mittel besser der Erhaltung der Art und des Einzelnen dienen, als der Kampf der Artangehörigen untereinander und mit den Unbilden des Klimas. So konnte Krapotkin drastisch sagen: „Die botokudische Kuh besteht zwar unter den Unbilden des sibirischen Klimas, aber sie gibt entschieden weniger Milch als eine von New Jersey." Unbelastet also mit solchen Bedenklichkeiten, wie, daß man nicht berechtigt sei, der Natur in ihrer harten, aber gerechten, auslesenden Strenge in den Arm zu fallen, soll der Fürsorger sich an sein Werk machen. Weder was wir von der Natur, noch von der Geschichte des menschlichen Zusammenlebens wissen, darf unsere verständige, wohlwollende Fürsorge, unsere menschliche Wohlfahrtspflege hemmen. Wenn also auch die sozialhygienische Fürsorge heute mit keinem ernst zu nehmenden Widerstand mehr zu rechnen hat, so melden sich doch noch immer Stimmen, welche das „Stahlbad" des Zwanges und der Not zur Beförderung des menschlichen Fortschrittes uns anpreisen wollen. Wir seien danach nur berechtigt in unserem Tun, wenn wir uns auf das Mindestmaß, auf die Fürsorge für das Existenzminimum beschränken. Im anderen Falle gefährden wir die Tendenz zur Selbsthilfe, lähmen wir der Not die Flügel. In der Tat ist das der Grundgedanke im Armenpflegesystem selbst so wohlwollender Männer, wie eines Wilhelm Roscher (System der Armenpflege und Armenpolitik, 3. Auflage, ergänzt durch Christian J. Klumker, Stuttgart und Berlin 1906). Die Lektüre dieses Buches ist sehr lehrreich wegen des Widerspruchs, den der Autor offenbar nicht gesehen hat, bezüglich der Ätiologie der Armut und deren 39* 58t

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