Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Mensch in Not?
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 580 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mensdi in Not0 Von W. Eliasberg Mein Vater war ein herzensguter, treuer, wohlmeinender Mann, aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Hebbel, Tageblätter: Erinnervangen an die Kindheit. Es ist noch nicht so lange her, daß wir eine Philosophie der Armut hatten. Man war davon überzeugt, daß die menschliche Gesellschaft, daß die Blute der Kultur auf erzwungenen Leistungen solcher Menschen beruhe, die von jeglichem Kulturgenuß dauernd ausgeschlossen bleiben mußten. Aber schon im Altertum zur Zeit Piatos, nahm man es nicht widerspruchslos hin, wenn die Begründung dafür in biologischen Unterschieden der Menschen, in den biologischen Merkmalen einer Herren- und Knechtsrasse gesucht wurde. (Vgl. Theodor Gomperz, Griechische Denker, L Bd.) Indes so nüchterne Beobachter des gesellschaftlichen Daseins, wie die englischen Sozialphilosophen des 18. Jahrhunderts, insbesondere Bernard de Mandeville, der Autor der Bienenfabel, glaubten auf den Stachel der Armut, auf den Pauperismus in den Grundlagen der Gesellschaft nicht verzichten zu können. So spricht auch die klassische Nationalökonomie bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus in ihrer theoretischen Konstruktion der Urwirtschaft von der Not als dem eigentlichen Motor alles Fortschritts. Aber in der Nationalökonomie selbst ist man sich darüber zweifelhaft geworden. Es ist bekannt, wie sehr diese nationalökonomischen und gesellschaftskritischen Überzeugungen auf Analogien mit der darwinistischen Lehre vom Kampf ums Dasein beruhen; nun bricht in der 1) Einleitungsvorlesung zu einer Arbeitsgemeinschaft über soziale Not, veranstaltet im Rahmen der Lehrkurse der israelitischen Kultusgemeinde München im November und Dezember 192G. 580