Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Das christliche Ghetto
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 558 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Ludwig Schmitz ungerecht und unrichtig, weil das Geschehen in diesen Mauern nicht als ein historischer Augenblick begriffen wird. Auch ich habe noch siebzig Jahre später Ähnliches sehen müssen. An einem Werktage, gegen n Uhr morgens, trat ich von der Seite in Abu Serge ein. Von den drei Türen an der Gassenwand sind zwei vermauert Das ist einmal eine Existenzfrage gewesen. Abu Serge ist nicht wie die anderen Kirchen durch einen vorgelagerten und verschließbaren Hof gegen die Gasse geschützt Zu meiner Überraschung stand noch zu dieser späten Stunde der Priester im Allerheiligsten. Er wandte sich um und lehnte lässig mit dem Rücken zum Altar an der Türe, in der Mitte der schweren Holzwand, die quer über die drei Schiffe läuft und das Allerheiligste, den Haikai, von dem Gemeinderaume trennt Mit wenigen Leuten singt er den Zwiegesang. Fünf Männer sitzen in der ersten Bank als einziges Gegenspiel Zwei kleine Knaben jagen sich unbekümmert vor ihnen und der Haikaiwand. Frauen sind nirgendwo zu sehen. Die Stimme des Priesters, in pontifikalen Gewändern, ehrwürdig in Alter und weißem Bart, mischt sich mit dem Parlando und dem näselnden Tone der „Gemeinde". Dann und wann schlägt einer der Männer in die blechernen Zimbel. So sitzen und singen sie in lässiger Weise. Nur der Küster stürzt ungeduldig auf mich zu. Für ihn gilt es Bakschisch. Er möchte mir am liebsten sogleich die alten Bilder zeigen, die eingelegte Haikaiwand, die bedeutenden alten EHenbeinreliefs mit der Geburt Christi und dem Abendmahl, die starken antiken Säulen mit Weihekreuzen auf den Schäften, das Fresko in dem Apsisgrund des Allerheiligsten. Mir aber ist es wichtiger, die heilige Handlung und die lebenden Gefühle zu beachten. Man kann ein anderes Mal wiederkommen. Dem Küster ist damit nicht geholfen. Er hat keine Garantie, daß ich ihm noch einmal Gelegenheit gebe, seinen Handteller zu öffnen. Er schleppt mich durch eine Seitentüre der Haikaiwand in die Krypta, wo nach der Legende die göttliche Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten geruht haben solL Es besteht kein Anlaß, das zu glauben. Die Kirche geht, wenn es hochkommt, in das 7. Jahrhundert zurück. Die Krypta ist keineswegs älter als das 6. Jahrhundert Der Platz kann — vielleicht — aus dem 3. oder 2. Jahrhundert sein. Nicht ausgeschlossen sogar, daß er bis auf die Einführung des Christentums in Alexandria zurückgeführt werden kann. Dann bleibt noch immer der Mangel einer beglaubigten Tradition für jene Zeit, in 558