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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 557

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Das christliche Ghetto
Date
1927-02-01
Page
557 (sequence 4)
Language
German
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Das christlich« Ghetto gänzlich zerrissen. In viel größerem Ausmaß ereignete sich das gleiche im ii. Jahrhundert zu Alexandria, Die Zeiten waren ruhiger gewesen. Die Christen durften Hoffnung haben Sie bauten in dieser Stadt unter Christodulus, dem Patriarchen, 17 prächtige Kirchen Ein durchreisender Kadi, der Anstoß daran nimmt, berichtet voll Zorn nach Kairo: Alexandria ist ein zweites Konstantinopel geworden. Diese Vorstellung ist nicht zu ertragen für ein moslimisches Herz. Es ergebt der Befehl, alle Kirchen in ganz Ägypten zu schließen. Der Trieb des Menschen zu der steinernen Formung gemeinschaftlichen Gottesdienstes konnte durch solche Ereignisse nicht zerstört werden. Er suchte sich nur den Weg, der ihm geblieben war. Der Wille zur Weite und Erhabenheit hat sich in Babylon in der Vielfalt kleiner sakraler Bauten manifestiert Das sind vielleicht große Worte. Unverständlich für manchen, der mit einem aufrichtigen Entsetzen aus den heute schmutzigen, engen und finsteren Kirchen wieder auf die Gasse geflüchtet ist Ich selbst habe mich zunächst einem ähnlichen Eindruck nicht entziehen können. Aber als ich dann später in Rom durch die gigantischen basilikalen Bauten der Renaissance wanderte, konnte ich die gewohnte Pracht nur schwer noch ertragen. Auch wenn man das Bewußtsein pflegt, daß die fast weltliche. Üppigkeit römischer Kirchenschiffe eine symbolische Umformung erfahren hat und als der Abglanz und der Rahmen göttlicher Herrlichkeit genommen werden kann, erinnert man sich mit einer gewissen Wehmut an die gedrückten und versteckten Grotteshäuser der koptischen Verfolgung. An Ort und Stelle aber, in Alt-Kairo, hat man sich — ich deutete es an — auch erst mit der ägyptischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen Als Flaubert an einem Sonntag die Kirche von Abu Serge sah, schrieb er in sein Tagebuch : „Herr v. Voltaire würde gesagt haben: .Einige elende Lumpe, die in einer häßlichen Kirche versammelt sind, verrichteten ohne Pomp die Riten einer Religion, von der sie nicht einmal die Gebete verstehen. Von Zeit zu Zeit gibt der erst© Beste der Anwesenden ganz laut die Aussprache des Wortes an, das der Priester nicht lesen kann . . . man liest Bruchstücke aus dem Evangelium.' Die Aufzeichnung des französischen Dichters ist eine natürliche Äußerung einer aufklärerischen Zeit Sie verletzt durch eine Lieblosigkeit, die nicht zufällig einem christlichen Gegenstande zugewendet wird. Sie erweist sich als 557

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