Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Das christliche Ghetto
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 556 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Ludwig Schmitz gleichen. Kein Wunder. Wenn man alle Einzelheiten ins Orientalische, Ägyptische und Christliche übersetzt, so decken sie sich doch mit den beschriebenen; europäischen Tatbeständen. In Babylon gibt es noch heute keine Straße. Statt dessen zwei, drei, vielleicht sogar vier sich kreuzende, krumme und enge Gassen mit natürlichem Boden. Meist Sackgassen, so schmal, als ob man zur größeren Sicherheit nur den notdürftigsten Raum gelassen hatte. Und die aus den luftgetrockneten Nilschlamm-ziegeln aufgeschichteten Wegeswände lassen nur selten den Raum für einen Hauseingang. Das ist das Merkwürdigste in diesem Ghetto. Es ist vollgepfropft mit ängstlichen Menschen, aber man weiß nicht, wie sie sich verkrochen haben. Selten öffnet sich eine Pforte auf einen verwinkelten Hof. Immer von neuem läuft die stumme Zeile der Gassenwände. Man kann nicht auf den Gedanken kommen, ein richtiges jüdisches Ghetto vor sich zu haben. Auch nickt, wenn man ohne geschichtliche Kenntnis in diese merkwürdige Welt geraten ist Denn dieses Viertel ist von einer fast wuchernden Fülle von Kirchen durchsetzt Die Zahl von acht alten Kirchen, die auf dem kurzen Wege zu treffen sind, wird man auf einem gleich beschränkten Räume in der ganzen christlichen Welt vergeblich suchen. Da sind zwei Kirchen zu Ehren der Jungfrau (All Muallaka und El Adra). Eine alte und eine neue gilt dem heiligen Georg (Märi-Girgis). Ein Hauptziel der Besucher ist die Kirche des St Sergius (Abu Serge). „Groß und bei ihnen berühmt" ist Makrizi Sankt Barbara. An sie angebaut ist eine Kapelle mit dem Namen des Amba Schenüda. Zum Schluß sei noch eine Kirche erwähnt, die in Zeiten der Verfolgung und Not den Juden als Synagoge verkauft wurde (Keniset Eliahu). Vielleicht wird man die Anzahl der Gotteshäuser nicht so erstaunlich finden, wenn man die Ausdauer kennt, mit der jahrhundertelang die Kirchen immer von neuem von arabischen Händen zerstört wurden. Das koptische Ägypten hat seit der arabischen Eroberung keine Möglichkeit gehabt, Kirchen in Kathedralen zu verwandeln. Das christliche Gotteshaus hatte sich vor der Moschee zu verstecken, wenn es nicht verhängnisvolle Blicke auf sich ziehen wollte. Makrizi berichtet von dem Fall der St Barbara in Kairo. Als man nach der Zerstörung des Jahres 718 die Erlaubnis zum Wiederaufbau erhielt, baute man sie nach der Ansicht der Moslims schöner als vorher. Mit Wut hat man sich sofort von neuem auf sie gestürzt und sie 556