Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Das christliche Ghetto
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 555 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Ludwig Schmitz: Das christliche Ghetto Propheten den Schlüssel des Nillandes in die Hände spielten, standen nun ein Jahrtausend unter der Gewalt der islamischen Folterknechte, bis sie so verstümmelt entlassen wurden, wie sie heute vor uns stehen. Wie um die moralische Logik alles geschichtlichen Lebens zu demonstrieren, ist Babylon selbst, der Gegenstand des Judasgeschäftes, die zentrale Folterkammer geworden. Es ist nicht klar, wie es zu dieser koptischen Ansiedelung hinter den Mauern der Festung kam. Wir wissen, daß die arabischen Eroberer keinen Gebrauch von ihr machten und bereits ein Jahr nach Babylons Auslieferung, 6^2, unmittelbar vor diesem Kastell das Militärlager und die Residenz Fustat bezogen. An Ort und Stelle erlebt man nun heute die schroffe Trennung des arabischen und des koptischen Viertels. Die Mohammedaner wohnen in freien, fast breiten Straßen am Ufer des Nils. Die Christen hausen zusammengepfercht in einem Komplex, zu dem man die Eingänge sorgfältig suchen muß. Jeder wird von hier den Eindruck mitnehmen, daß Babylon eine natürliche Zufluchtsstätte gewesen ist für eine Bevölkerung, die mit der wachsenden arabischen Einwanderung und der anschwellenden islamischen Bewegung gerade in der Residenzstadt immer weniger Daseinsberechtigung und Toleranzansprüche haben konnte. Noch heute stehen die Mauern. Allerdings nicht mehr fest Allmählich bröckelnd, hier an der Steinschicht, dort an den Ziegeln. Der Eindruck des verschanzten Lagers bleibt Da ist noch ein mächtiges römisches Tor. Über dem kreisförmigen Grundriß eines zerfallenen Festungsturmes ist wie zum Ersatz in Rundform eine griechisch-orthodoxe Barche aufgebaut An ihr vorbei führt die zur Bresche erweiterte Pforte in das christliche Ghetto. Ist man in eine der Gassen hineingeraten, so kann man an eine plastische Schilderung des alten Frankfurter Judenviertels erinnert werden. Dort eine enge Straße, „über eine halbe Viertelstunde lang, von Häusern eingeschlossen, die fünf bis sechs Etagen hoch sind. Diese Häuser mit Hinterhäusern und diese Hinterhäuser womöglich noch einmal mit Hinterhäusern. Mit hlinderten von Kammern und engen Stuben und zehntausend Menschen darin und die Straße bedeckt mit tätigen Menschen, die in ihren Höhlen nicht Luft und Platz zur Arbeit haben." i Weniges von den realen Angaben paßt zu dem Bild, das ich zu zeichnen habe. Doch die Atmosphäre, die Stimmung, der Nerv des Lebens sind die 555