Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 551 (sequence 9)
- Language
- German
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Franz Werf eis „Paulus unter den Juden" benden, siech gewordenen Alten, sondern das ist des Paulus Dank und letztes Wort: „Du gibst mir die Kraft des Weges." Mit diesem Bekenntnis, abgelegt vor der einheitlich gewordenen Stimme des jüdischen Volkes, widerruft Paulus alles, was er über die Sünde als Frucht des Gesetzes und über die Verwerfung Israels, das seinen Messias getötet habe, verkündet hat „Er schreitet rückwärts, immer Gamaliel anschauend." Das Christentum, bei seinem Gang in die Welt gesegnet vom Judentum, audiesem Segen die Kraft des Weges schöpfend, das ist die Geschichte der beiden großen Religionen in zwei Jahrtausenden, das Gesetz, das ihren Weg beschreibt „Ohne Willkür! So ist es! So war es!" Des Gamaliel Segen und des Paulus Dank ist eine prophetische Vorwegnahme der Weltgeschichte der Religion in der seither verflossenen Epoche, ein erhabenes Symbol für die ewige Macht jüdischer Gottesoffenbarung, ein Zeugnis für die Verwirklichung des Segens, den am Eingang der israelitischen Geschichte Gott dem Abraham gegeben „durch dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde", ein echter Ausdruck der messianischen Verkündigung des Judentums. IV. Diese großartige Vision ist der Höhepunkt und in Wirklichkeit auch der Schluß der dramatischen Legende. Nichts bleibt mehr zu sagen übrig, und wenn der Dichter hier die Feder niedergelegt hätte, dann erstrahlte der Sieg der jüdischen Wahrheit in leuchtendem Glanz. Der gewaltige Eindruck wird aber gestört und verwischt, und der Zuschauer wird beirrt durch den Schluß, der dem letzten Worte noch angehängt ist Er ist ein tiefer Abstieg. Denn nach der Vorschau auf die Jahrtausende führt er den Zuschauer wieder in die Zeitgeschichte der Jahre 4o—70 nach Christus zurück und zeigt den Untergang des Tempels. Der Sühnebock kehrt aus der Wüste zurück, Gamaliels Leiche wird aus dem Heiligtum getragen, die Römer besetzen den Tempel. Es ist richtig, ein gewaltiger Abschnitt der jüdischen Geschichte hat damals in einer schweren Katastrophe sein Ende gefunden. Das Judentum aber blieb ewig. Als im Jahre 1806 der letzte der alten deutschen Kaiser die Krone niederlegte, da fand das heilige Römische Reich deutscher Nation nach einer ruhmvollen Geschichte von tausend Jahren sein Ende: Das Deutsche Reich in seiner damaligen Gestalt, nicht aber das deutsche Reich überhaupt und noch weniger das deutsche Volk oder die deutsche Geschichte. Auch die Zerstörung des 551