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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 549

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
Date
1927-02-01
Page
549 (sequence 7)
Language
German
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Franz Werfeis „Paulus unter den Juden" großen gütigen Gamaliel, und es stachelte ihn das Gefühl der furchtbarem Ohnmacht, dem geliebten, beneideten, in Liebe gehaßten Lehrer je ähnlich werden zu können. „Du weißt, wie ich mich gefoltert habe, dir ein wenig gleich zu werden! Da floh ich von dir! Da eiferte ich wider dich! Da haßte ich dich! Denn ein häßlicher Sklave erträgt nicht den freien Herrn über die Sünde! Mein Haß gegen dich war der Haß gegen ihn!" Auf diesem Höhepunkt seines Dramas hat Werfel den Schlüssel zum Verständnis seines Paulus gegeben. Aber alle diese bösen Triebe und Instinkte schreien nach Rechtfertigung, und auf der Suche nach einem Grund werden sie schöpferisch. Nur auf ihrer Grundlage wird dem Apostel der Tod des Stephanus der Anfang eines neuen Lebens, nur sie machen ihn reif für den Tag von Damaskus, nur sie erwecken in ihm die Überzeugung, daß Jesus selbst das Geheimnis des Christus nicht völlig erkannt habe. Denn Jesus hatte gelehrt, daß solange Himmel und Erde bestehen kein Sätzlein der Thora verschwinden solle. Paulus aber verkündet als „das Geheimnis des Christus" die Thora als die Wurzel der Sünde, die Sünde als die Frucht der Thora, den Tod Jesu am Kreuz als die Erlösung der Welt, als das Ende der Thora und als das Ende Israels. „Nicht im Tempel, am Kreuz ward des Sühnopfers Blut ausgesprengt Nun ist die ganze Welt der Tempel des Opfers, die Thora ungültig, Israel auf ewig zerbrochen." Aus seiner grauenhaften inneren Not erwächst ihm das furchtbare Wort „Das Gesetz ist erfüllt und die Liebe gekommen." Gamaliel aber vernimmt mit überwältigender Klarheit das Nein, das allein hinter dieser Botschaft des Paulus steht Er spürt den Haß, der sich in das Gewand der Liebe hüllt „Du rasest von Messias und Liebe, du kalter Satan, der nichts liebt, nichts, nichts!" Der Höhepunkt der dramatischen Legende ist der ergreifende Kampf zwischen Gamaliel und Paulus um die Göttlichkeit Jesu und seine Sendung, um die Gültigkeit oder Aufhebung der Thora, um das Schicksal der jüdischen Wahrheit und des jüdischen Volkes. Werfel verlegt dieses Ringen auf den Versöhnungstag und in den Tempel Damit schafft er ein Symbol für die Lehre des Paulus, daß mit dem Opfertode Jesu jenes Sühneopfer des Jörn Hakkipurim aufgehoben sei, das bisher Israel die Läuterung brachte. Den Verlauf setzen wir als bekannt voraus. Gamaliel wird bei Werfel an der Wahrheit irre. An der vernichtenden Erkenntnis dieses Zusammenbruchs stirbt er, stirbt Israel, zu dessen „einheitlicher Stimme" er geworden ist 37* 549

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