Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 548 (sequence 6)
- Language
- German
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Max Eschelbacher antastet, der erst zerstört des Judentum. Das war die große Erkenntnis des Paulus. III Mit der Kraf t des großen Seelenkünders hat Franz Werfel den Apostel zu enträtseln versucht und eine überraschende Deutung von ihm gegeben. Ein unheimlicher Zug im Wesen so manches Juden war immer der Haß gegen sich selbst „Niemand liebt Israel, selbst Israel nicht" bekennt der Hohepriester Theophilos, und der Landpfleger bestätigt es: „Kein Jude glaubt an den anderen, nur eine Sekte gibt es, die an einen gekreuzigten Juden glaubt Aber schon weil sie an einen anderen Juden glauben, sind sie keine Juden mehr und ausgestoßen." Im Lichte dieser wirklichen oder vermeintlichen Erkenntnis deutet Werfel seinen Helden. Er enthüllt das Mysterium seines Wesens durch den Namen, den ihm Gamaliel gibt: „Damit du weißt, wer du bist, gebe ich dir den Namen: Israels Selbsthaß." In der dämonischen und vom Dämon besessenen Erscheinung des Paulus verbirgt sich ein dunkles Rätsel. Wie kann ein Mensch ein anderer werden? Wie kann er die Einheit seines Wesens völlig zerstören? Wie kann sein Ich sich spalten, absterben und spurlos einem neuen Selbst weichen, das mit ihm nichts mehr gemeinsam hat, als die körperliche Hülle, in der trotz allem noch die Vergangenheit als Satan haust „wie ein gefangener Mann, der den Kerker zertrümmern will"? Wie kann der gebrochene Mensch aus qualvollem Ekel vor dem eigenen Wesen in den Freunden aus einer früheren Zeit nur sein eigenes einstiges Ich sehen, den „alten Adam, den er ausgezogen", das „Gespenst seines früheren Menschen", sodaß sein Haß gegen sie nur der Abscheu vor sich selber ist? Mit ergreifender Eindringlichkeit geht Werfel den verschlungenen Wegen nach, auf denen Israels Selbsthaß einen Menschen verwandelte, aus dem Rabbi Schaul den Paulus, aus dem Verfolger den Folger Jesu machte. An die Aufhellung dieses Dunkels hat er seine große Kunst und die unvergleichliche Gabe des Einfühlens in fremde Seelen gewendet, die seine Lyrik so hoch erhebt In seinen „Paulus" hat er die Tragödie des Selbsthasses mit hinein verwoben. Wir schauen nicht nur das Schicksal Israels, sondern auch den Höllen- und Himmelsweg des Paulus. Nicht nur Gamaliel- Israel, sondern auch Paulus ist eine tragische Gestalt des Spieles, wenn er sein Geheimnis in dem Selbstbekenntnis offenbart, das er vor Gamaliel ablegt Sein letzter Trieb war danach die Selbstverachtung „des häßlichen Sklaven". Ihn hetzten die Liebe, der Neid und endlich der Haß gegen den 548