Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 547 (sequence 5)
- Language
- German
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Franz Werfeis „Paulus unter den Juden" salbten, den Christus. In einer Judenverfolgung, in der Besetzung des Tempels durch die Römer sehen sie alle die Geburtswehen, aus denen der Messias geboren wird. In dieser Zuversicht stimmt der Rabbi Beschwörer mit Simon Petrus überein. „König Messias kommt, wenn Antimessias sein wüstes Bild im Tempel errichtet hat", verkündet er den Legionären, und in der Stunde, in der die römischen Kohorten wirklich den Tempel besetzen, verheißt Simon Petrus: „Antichrist erschienen! Alle Verheißungen erfülltI Geht nach Hausei Die Stunde des Christus ist da!" In jedem Augenblick hat jenes Geschlecht die Ankunft des Messias erwartet Viele waren schon mit dem Anspruch aufgetreten, der Verheißene zu sein, Theudas und Johannes der Täufer und Juda, der Gaulaniter. Zu ihnen gehörte auch der, der sieben Jahre vorher auf Golgatha gekreuzigt worden war. Seine Jünger sahen in ihm den Messias, den König von Israel Sie richteten sich auf an der Erinnerung an sein Leben und an seine Wirksamkeit, an der Hoffnung auf seine Wiederkunft, nicht aber an seinem Tode am Kreuz. Das Kreuz hält Petrus „für Henkersschmach", und auf Golgatha weiß Jakobus dem Barnabas nicht zu sagen, welches von den; vielen Kreuzen das war, an das ihr Meister geschlagen worden. Der Mann sollte noch kommen, der das Kreuz zum Herzen der christlichen Botschaft machen, der das Mysterium von dem gekreuzigten und wiederauferstandenen göttlichen Erlöser der Welt verkünden sollte. Noch wußte die Welt nichts von der Sendung des Paulus. Der Trost des Volkes in allem Jammer ist die Thora. Während Gamaliel die Rolle im feierlichen Zuge trägt, singt der Chor, der ihm folgt, den Psalmvers: Hätt' ich zum Trost dein Gesetz nicht gehabt, wie wär ich im Elend vergangen! Der Thora huldigt selbst der, der sie für überwunden erklärt, selbst Paulus. Er fährt den Barnabas an: „Weh dir, daß du die heilige Thora kränkst! Sie war unser strenger, gewaltiger Führer zum Christus." Israel lebt durch die Thora, wie ein Geschöpf durchs Wasser lebt Diese Erkenntnis ist nicht nur die Überzeugung der Rabbinen, sondern auch die Seele der römischen Politik gegenüber dem Judentum. „Woher saugen sie die Kraft, Juden zu bleiben? Aus dem Tempel in Jerusalem und aus ihrem Gesetz. So muß zuerst der Tempel verschwinden und darnach ihr Gesetz. Dann werden sie verdaut sein, und die Welt hat Ruhe." Rom hat mit dieser Weisheit, die es durch seinen Landpfleger verkündet, die Wahrheit nur halb erkannt Der Tempel konnte untergehen, ohne daß die Lebenskraft des Judentums bedroht wurde. Denn sie beruhte und beruht nur auf dem Gesetz. Wer aber dieses 37 547