Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 546 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Eschelbacher Sondern er ist das Judentum selber, der Vater, der Führer, der Lehrer seines Volkes, seine Hoffnung in jeder Not, sein Stolz und seine Ehre, der Held, zu dem es aufblickt wie der Soldat zu seinem Feldherrn. Die anderen alle sind Vertreter verschiedener Gruppen, er aber ist das Symbol Israels geworden. Ihn und nur ihn nennt Werfel „die einheitlich gewordene Stimme des Volkes". Gamaliels Gestalt ist Werfeis Huldigung vor dem Judentum, das solche Männer als seine echten Sohne hervorgebracht hat Das jüdische Volk steht unter dem schweren Druck der römischen Fremdherrschaft Politisch ist es das ohnmächtigste aller Völker, und von der Welt wird es verkannt Das Winterlager in Britanien ist den römischen Legionären lange nicht so unheimlich wie die Stadt Jerusalem, wo man von Göttern nicht spricht, und in der Thora sieht der römische Soldat ein Zauberbuch. Die Spitze Roms weiß es auch nicht besser. „Ich bin ein Gott! Keiner Nation des gesamten Erdkreises fällt es im Geringsten ein, meine durch Wunder erwiesene Gottesnatur zu leugnen. Nur du in deiner abergläubischen Blindheit sträubst dich wider mein Bild und die Zeichen meiner Herrschaft", in diesem Edikt des himmlischen Narren", des göttlich verehrten Cäsars Caligula, spricht das Imperium sein Urteil über das Judentum und spottet damit seiner selbst Trotzdem steht vor der Erhabenheit der jüdischen Religion die gleiche römische Welt mit scheuer, oft unwilliger Ehrfurcht Rom beugt sich vor der inneren Größe des Judentums. Seine Feldzeichen und Standarten stehen in allen Städten des weiten Reiches, seine Kaiserbilder in den Tempeln aller Völker, nur nicht in Jerusalem Eine neue Zeit kündigt sich an. Trotz allem Spott des Landpflegers beginnt der Gott Israels der Diana von Ephesus gefährlich zu werden, und in seiner wahren Größe wird das Judentum von den Mächten der Zukunft erahnt Die Ahnung der vollen Erkenntnis leuchtet bei jenen Völkern auf, die die Träger eines neuen Aeons der Geschichte werden sollen. Einem Germanen legt der Dichter mit tiefer Symbolik das Bekenntnis in den Mund, Rom sei groß, aber vor Zion habe er Ehrfurcht, den Frisius läßt er das Wunder verkünden, „daß in unserer Zeit der Schlächter und Fresser ein Volk lebt, das nichts kennt, als seine heulende Leidenschaft für die Gottheit". Die Bühne hat hier eine glückliche Kritik am Dichter geübt Am Düsseldorfer Schauspielhaus läßt der Darsteller des Frisius die „heulende" weg und spricht rein und schlicht nur von Israels „Leidenschaft für die Gottheit". Alles Unglück erweckt in diesem Volke nur einen einzigen Gedanken, und jede Demütigung entfacht nur die eine Hoffnung auf den Messias, den Ge- 546