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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 545

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
Date
1927-02-01
Page
545 (sequence 3)
Language
German
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Franz Werfeis „Paulus unter den Juden" gegnet ihm grimmig Jakobus: „Der Herr selber hat gesagt: Solange Erd' and Himmel bestehen, wird kein Sätzlein der Thora verschwinden." Da schleudert ihm Paulus das kühne Wort entgegen: „Hat Er selbst denn das Geheimnis des Christus völlig erkannt?" „Hab' ich Dich nun, Rabbi, du!? Besserwisser unter den Besserwissern!" Dieser empörten Antwort des Jakobus sind auch wir gewärtig, wenn wir des Paulus Antwort auf Werfel selber anwenden. „Hat er selbst denn das Geheimnis des Judentums völlig erkannt?" Wir hoffen den Nachweis zu liefern, daß in diesem Falle der große Dichter den Gestalten, die er heraufbeschworen hat, daß er namentlich dem Gamaliel nicht in allen Punkten der richtige Deuter geworden ist, und daß allem Anschein zum Trotz gerade in dieser Katastrophe die ewige Kraft des Judentums um so ergreifender sich enthüllt IL „Paulus unter den Juden" entrollt ein reiches, buntes Bild der jüdischen Welt jener Tage. Wir schauen Priester, Rabbinen und unwissende Amme Haarez, Zeloten und Hellenisten, Judäer und Samaritaner, Nazaräer und Heidenchristen, die erhabene Weisheit und den blöden Aberglauben. Doch zeichnet Werfel die jüdische Welt viel zu schwermütig, viel zu düster. Von der Freude, die die Thora im jüdischen Herzen erweckt, läßt er zu wenig spüren. Aber wie ist diese jüdische Welt an innerer Kraft, an sittlichem Mut, an einfacher Ehrlichkeit der römischen überlegen, deren Repräsentanten, der verrückte Cäsar Caligula und der dummschlaue und korrupte Landpfleger Marullus, erbärmliche Menschen sind! Nicht alle Figuren sind erfreulich und auch unter den Juden finden sich genug unsympathische Gestalten. Neben den Rabbinen steht die Karrikatur des Rabbi, der Beschwörer, ein beschränkter, fanatischer, dabei feiger Ignorant. Jüdische Zuschauer haben sich dadurch bedrückt gefühlt und glauben, das Judentum käme bei Werfel schlecht weg. Diese Beschwerde ist aber schwerlich berechtigt Der Dichter zeichnet das Leben, wie er es sieht, und ob seine Geschöpfe dem Zuschauer sympathisch sind, braucht ihn nicht zu bekümmern. Hier werden zudem alle Gestalten belanglos neben der einen, die der Ruhm des Judentums ist, sie verschwinden neben Rabbani Gamaliel, dem Enkel des großen Hillel, einem der vielen glänzenden Lichter am Himmel des rabbinischen Judentums. In ihm zeichnet Werfel den Zaddik, den vollkommenen Menschen. Und dieser Große und Weise schwebt nicht hoch über seinem Volke, nur durch die Abstammung mit ihm verbunden, sonst ihm fremd. 545

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